Dirk Halm:
So kann man die Diskussion über Islam, Islamkritik und vermeintliche Islamophobie sachlich führen – ein sinnvoller und erweiterungsfähiger Ansatz!
Von Felix Struening
Menschen, die den Islam oder Muslime kritisieren, sind rassistisch, fremdenfeindlich, eigentlich fast Antisemiten, in jedem Fall aber islamophob. Solche pauschalisierenden Vorwürfe bestimmen die derzeit in den Medien kochende Debatte über die Islamkritik in Deutschland. Dabei wird meist nicht zwischen argumentierenden Kritikern, (rechts-)populistischen Demagogen und verurteilenden Islamfeinden unterschieden.
Diese Diskussion wurde Ende 2009 durch den Schweizer Volksentscheid für ein Minarett-Bau-Verbot erneut ausgelöst, bezieht sich aber auch auf die Mohammed-Karikaturen-Krise 2006 und den immer wieder gezogenen, umstrittenen Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Es handelt sich also um eine Kritik daran, wie der Islam bzw. muslimische Migranten in der deutschen Aufnahmegesellschaft gesehen werden. Damit wird eine Meta-Debatte geführt, die Einfluss nimmt auf die eigentliche Debatte über das, was Islam hier in Deutschland und Europa ist, sein darf oder sein sollte. Um also sachliche Argumente in der Diskussion über die Islamkritik anbringen zu können, lohnt es sich zunächst einen Blick auf die zugrundeliegende Islamdiskussion zu werfen.
Der Islam als Diskursfeld
Dafür hat Dirk Halm mit Bezug auf einen Entwurf Werner Schiffauers und die Foucault‘sche Diskursanalyse einen sehr sinnvollen Ansatz geliefert, indem er den „Islam als Diskursfeld“ definiert. In diesem Diskurs versuchen laut Halm vor allem drei Akteure – Politik, Kirchen und muslimische Verbände – die Deutungshoheit zu erringen.
Aus sozialwissenschaftlicher Sicht macht dieser Ansatz sehr viel Sinn, da bei der Untersuchung nicht mehr religionswissenschaftliche, sozialpsychologische oder kulturelle Wahrheitssuche betrieben wird. Stattdessen können die Akteure des Diskursfeldes Islam genau beschrieben werden, inklusive ihrer Argumentationsmuster, Verhaltensweisen und Chancen im Diskurs Deutungshoheit zu erlangen.
Als logische Folge aber gleichzeitiges Problem stellt sich heraus, dass der Islamdiskurs dabei mit anderen vermischt wird, so vor allem dem Migrations- und Integrationsdiskurs sowie der sicherheitspolitischen Diskussion. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren sieht Halm hier allerdings keine unzulässige Sakralisierung sozialer und kultureller Prozesse. Er zeigt zwar auf, wie der Islamdiskurs andere überwölbt, hält selbigen aber für absolut notwendig, da er weiß, wie der Islam genau diese sozialen und kulturellen Prozesse beeinflusst. Dennoch „besteht damit die Gefahr, dass durch die Aushandlung von Integrationsfragestellungen mit religiösen Vertretern die Tendenz zur Kulturalisierung der Integrationsdebatte verfestigt wird.“ Die Integrationsprobleme nicht-muslimischer Zuwanderer könnten dabei unter den Tisch fallen, so der Autor.
Mehr Akteure mit anderer Gewichtung
Im Diskursfeld Islam sind allerdings wesentlich mehr als die drei von Halm aufgeführten Akteure aktiv. So müssen neben den genannten traditionellen muslimischen Verbänden auch zunehmend einzelne muslimische Denkrichtungen oder Reform-Ansätze beachtet werden, was sich bei der Diskussion eines gemeinsamen muslimischen Ansprechpartners im Buch auch schon herauskristallisiert.
In der Aufnahmegesellschaft sind außerdem die weiteren Akteure Medien, Wissenschaften und die Zivilgesellschaft zu nennen, da sich vor allem in letzterer eine deutliche und öffentlichkeitswirksame Kritik am Islam formiert. Dahingehende Untersuchungen fehlen leider noch, die Forschung konzentriert sich bisher auf rechtspopulistische Erscheinungen wie die „PRO-Bewegung“ und schaut nur aus dem Winkel des Rassismus-Theorems. Dies spiegelt sich dann in der eingangs erwähnten Islamophobie-Debatte massiv wieder.
Verschiebung der Machtverhältnisse
Hinzu kommt, dass die von Halm genannten Machtverhältnisse im Islam-Diskurs sich verschieben. Er selbst deutet bereits in den Ergebnissen seiner Experteninterviews an, dass der interreligiöse Dialog zwischen Muslimen und Kirchen immer mehr in Gremien verlegt wird und in der lokalen Gemeindearbeit kaum noch eine Rolle spielt. In der Folge schwindet auch der Einfluss der Kirchen, ihr Bild vom Islam im Speziellen oder der Rolle der Religion in der Gesellschaft im Allgemeinen durchzusetzen.
Bei der Rolle der muslimischen Verbände und Organisationen bemerkt Halm bereits eine starke Kluft zwischen repräsentierten Anteilen der hiesigen Muslime und öffentlicher Wirkung. „Legitimität und Fähigkeit, ein bestimmtes Bild des Islams im Diskurs durchzusetzen, stehen in keinem offenbaren, nur sehr mittelbaren Zusammenhang.“ Dies hat auch Alev Inan in ihrem Buch „Islam goes Internet“ dargelegt. Sie zeigt auf, wie die muslimischen Verbände zur Erlangung von Deutungshoheit im Islam-Diskurs bei allen Streitfragen zu Moscheebau, Kopftuch oder Schwimmunterricht mit einer (angeblichen) religiösen Notwendigkeit argumentieren. So wird paradoxerweise nach außen mit der Religionsfreiheit argumentiert, während nach innen auf die Gläubigen Druck ausgeübt wird, religiös-dogmatische Gebote zu befolgen.
Ergänzend muss aber bemerkt werden, dass Halm die Repräsentation der Muslime durch die islamischen Verbände noch überschätzt. Er bezieht sich diesbezüglich auch nur auf eine Studie des Zentrums für Türkeistudien, dessen Mitarbeiter er ist. Es gibt aber mittlerweile einige weitere Studien zu diesem Thema, etwa die von Ina Wunn herausgegebene „Muslimische Gruppierungen in Deutschland“.
Durch diesen Mangel an Repräsentativität und den Streit zwischen den verschiedenen islamischen Organisationen wird vor allem von Seite der Aufnahmegesellschaft immer wieder das Fehlen eines einheitlichen muslimischen Ansprechpartners beanstandet. Diese Tendenz dürfte sich aber in Zukunft noch verstärken, schlussfolgert Halm aus seiner Forschung. So sei die Einladung einzelner muslimischer Denker wie Necla Kelek oder Seyran Ates („Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“) zur Deutschen Islamkonferenz eine Anerkennung des Pluralismus und der hiesigen Formen des Islams in der Diaspora. Verlieren die traditionellen, oft theologisch an die Entsendeländer gebundenen muslimischen Verbände jedoch noch mehr Rückhalt bei ihren Gläubigen in Deutschland, so wird es für die Muslime immer schwerer, ihre Positionen im Islam-Diskurs durchzusetzen.
Fremdbestimmung oder normative Messlatte?
An dieser Stelle wie Halm von einer Fremdbestimmung des Islams im Diskurs durch die Akteure der Aufnahmegesellschaft zu sprechen, geht allerdings zu weit. Denn entweder die Muslime finden hier gemeinsame Nenner, die sie auch organisatorisch gemeinsam vertreten können oder es handelt sich eben um viele kleine Minderheiten, die dann gesellschaftlich gesehen aber auch weniger Anspruch auf Sonderrechte haben.
Den starken Einfluss der Akteure der Aufnahmegesellschaft im Islamdiskurs kann man außerdem eher als einen normativen definieren: Von Seiten der Aufnahmegesellschaft wird bestimmt, wie der Islam hier sein darf, damit wir ihn als Religion akzeptieren können. Frauenfeindliche Elemente der Religion haben bei uns daher genauso wenig verloren, wie der Hass auf Ungläubige oder der Wunsch nach der Scharia, dem islamischen Recht.
Der Islam-Diskurs ist nur am Rande rassistisch
Aus dem gesamten Diskurs über den Islam kann man vor allem eines ablesen: Kritisiert wird eine menschenverachtende Ideologie, nicht jedoch die Gläubigen selbst als Menschen. Auch die von Halm befragten Experten der muslimischen Organisationen halten fest: „Die differenzierte Betrachtung der zwischenmenschlichen Dimension einerseits und der politischen Debatte andererseits bleibt also wichtig. Ablehnung richtet sich eher gegen die Institution Islam als gegen seine Angehörigen.“
Damit hat sich aber ein großer Teil der Debatte über die Islamkritik oder vermeintliche Islamfeindschaft in Deutschland erledigt. Rassismusforscher wie Wolfgang Benz mit ihrem Antisemitismus-Islamophobie-Vergleich beziehen sich nur auf eine rechte Randgruppe der deutschen Bevölkerung, die tatsächlich für ihre rassistischen Motive nur die Feindbilder austauscht oder erweitert. Im Diskursfeld Islam spielen aber ganz andere Akteure eine entscheidende Rolle. Doch ob deren Kritik an der Polit-Religion Islam richtig ist – also eine begründete Islamophobie – können die Rassismusforscher nicht sagen. Denn vom Islam haben sie keine Ahnung.
(Rezensiert am: 2010-01-28)
Dirk Halm: Der Islam als Diskursfeld. Bilder des Islams in Deutschland, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN-13: 9783531161563, 19.90 €
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