Thomas Eich:
Sehr interessanter Überblick – wie der Islam die Wissenschaft beeinflusst!
Von Felix Struening
Was hat denn der Islam mit Bioethik zu tun, mag sich so mancher fragen, dem dies kleine Büchlein in die Hände fällt. Das ist ja nun wirklich nicht von Bedeutung, oder? Wer sich jedoch bewusst macht, dass der Islam als Religion das komplette Leben regeln soll und dass Gesetze in arabischen und muslimischen Ländern meistens Scharia-konform sein müssen, der versteht, dass eine solche Untersuchung durchaus Sinn macht. Thomas Eich legt nun eine Analyse der Diskussion zwischen Rechtsgelehrten und Medizinern vor.
Klonen, Vaterschaft und Abtreibung
Dabei geht es um Fragen des Klonens, der Abtreibung, um Vaterschaftstests und künstliche Befruchtung. Alles Themen, die auch in Europa kontrovers diskutiert werden. Aber während es hier um Fragen der Menschenwürde geht, die sich auf aktuelle medizinische und philosophische Erkenntnisse stützen, wird in der islamischen Welt immer der religiös-rechtliche Kontext gesucht. So herrscht Uneinigkeit darüber, wann das menschliche Leben laut Koran und Sunna beginnt bzw. wann die Beseelung stattfindet. Verschieden sind die Meinungen auch, wenn es um die Frage des schützenswerten Lebens geht: schon ab der Befruchtung oder erst ab der Einnistung in der Gebärmutter?
Koran und Sunna
Entscheidend für die Ergebnisse der Diskussion sind immer die Auslegungen von Mohammeds prophetischen Worten durch Rechtsgelehrte. Vor allem der Trend, alle medizinischen Forschungsergebnisse schon als in Koran und Sunna enthalten erklären zu müssen, führt oft zu haarsträubenden Erklärungsversuchen. Wie Thomas Eich sehr gut zeigt, werden entweder die Schriften umgedeutet oder aber die Erkenntnisse derart interpretiert, dass nichts zu existieren scheint, was der Prophet nicht schon gesagt hat. Die Resultate werden schließlich als Empfehlungen durch zwei große islamische Gremien verkündet und haben oft den Wert einer Fatwa (religiöses Rechtsgutachten). Ärzte, Forscher aber auch Gesetzgeber richten sich meist nach diesen Befunden.
Quellen und Ausstattung
Thomas Eich benutzt für seine gründliche Recherche viele arabische Originalquellen, zitiert des öfteren und wartet mit erklärenden Beispielen auf. So wird der Kontext auch für den Nicht-Biologen/Mediziner verständlich, wenn auch so manches Fachvokabular vorkommt. Zu jedem der angesprochenen Themen beschreibt er schließlich die Bedeutung für die Region, was den Bezug zur aktuellen Debatte wieder herstellt. Ein kurzes Glossar der verwendeten arabischen Begriffe und die Übersetzungen der wichtigsten Rechtstexte im Anhang runden das Buch ab.
Kurz aber gut!
Was macht dieses kurze (125 Seiten im Kleinformat) Buch nun so interessant? Kann man in diesem geringen Umfang überhaupt einen sinnvollen Einblick gewähren? Thomas Eich jedenfalls meistert diesen Spagat gekonnt: Ohne zu ausführlich zu werden und mit zu vielen Details zu verwirren, gibt er einen umfassenden Überblick. Vor allem zwei Dinge werden dadurch sehr gut klar: Erstens, dass entgegen dem viel verbreiteten Vorurteil durchaus Forschung in islamischen Ländern betrieben wird, wenn auch nicht auf europäischem Niveau. Zweitens, wie sehr der Islam als Religion und als Grundlage des Rechtswesens in diese Forschung eingreift, sie beeinflusst und in ihrer Wirkung kontrolliert.
(Rezensiert am: 2006-03-11)
Thomas Eich: Islam und Bioethik. Eine kritische Analyse der modernen Diskussion im islamischen Recht, Reichert Verlag, 2005, ISBN-13: 9783895005664, 9.90 €
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