Wolfgang Benz (Hg.):
Mit der Rassismuskeule geht es den Islamkritikern an den Kragen – Antisemitismusforscher auf Abwegen!
Von Felix Struening
Es gibt in Europa zwei unterschiedliche Diskussionen über den Islam. Eine öffentliche, in der sich die Bürger oft zurückhalten oder sich nicht trauen, ihre wirkliche Meinung zu sagen und eine nicht-öffentliche, die im Schutze der Anonymität stattfindet. Besonders deutlich sieht man das an dem Unterschied zwischen dem Umfrage- und dem tatsächlichen Abstimmungsergebnis beim Schweizer Volksentscheid für ein Minarett-Bauverbot.
Doch neben diesem beunruhigenden Befund wird die Diskussion über den Islam in Deutschland zunehmend von noch einem ganz anderen Faktor, als der persönlichen Angst der Leute beeinflusst. Immer öfter wird den Islamkritikern von Seiten der Antisemitismusforschung Rassismus, pauschalisierende Islamfeindschaft oder Islamophobie vorgeworfen. Und dass, obwohl die Kritik am Islam sowohl vom linken und rechten Rand, als auch aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft kommt. Das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin hat dazu Ende 2008 eine Konferenz abgehalten, die aufgrund des entstandenen Medienrummels nun in Buchform dokumentiert wurde.
Dass es natürlich auch unter den Islamkritikern Rassisten gibt und dass rechte Parteien das Thema Muslime in Deutschland instrumentalisieren, ist nicht wirklich überraschend. Doch den von Wolfgang Benz gezogenen Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft hat Henryk M. Broder mit gewohnt spitzer Feder bei Welt Online gründlich zerlegt. An dem vorliegenden Dokument einer aufkommenden Islamophobie- oder Islamfeindschafts-Forschung muss aber vor allem das grundsätzliche Bild kritisiert werden, dass von den deutschen Islamkritikern gemalt wird. Denn es unterliegt einigen Irrtümern oder bewussten Falschdarstellungen.
Irrtum 1: Islamkritik ist nicht zwangsläufig Islamfeindschaft
Als grundsätzliches Problem stellt sich heraus, dass nur von Islamfeindlichkeit oder gar Islamophobie gesprochen wird. Eine zunächst neutrale Bezeichnung als Islamkritik wird vermieden, wahrscheinlich, damit die propagierte strukturelle Nähe zum Antisemitismus nicht verloren geht. Denn Kritik am Islam – auch sehr tief greifende – müsste ja zunächst einmal erlaubt sein, ebenso wie an Juden oder Israel. Kritik bedeutet auch nicht automatisch auch Feindschaft. Wäre dem so, so dürfte kein Islamkritiker muslimische Freunde haben, was nicht der Fall ist. Und wäre dem so, dürfte auch kein Muslim Kritik am Islam üben, was ebenfalls nicht stimmt.
Entweder müssten die Autoren also explizit eine wissenschaftlich bis journalistisch argumentierende islamkritische Szene ausklammern – man denke nur an Beiträge von Tilmann Nagel, Necla Kelek, Seyran Ates („Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“) und Serap Cileli („Eure Ehre – unser Leid“). Oder aber – und das scheint hier der Fall zu sein – alle Deutschen, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen, werden der Islamfeindschaft bzw. des Rassismus beschuldigt. Für diese Sichtweise der Autoren spricht etwa die Behauptung, die rechts-populistische Webseite „Politically Incorrect“ (PI) sei exemplarisch für die deutsche Szene oder der von Peter Widmann geäußerte Täuschungsvorwurf: „In Deutschland formiert sich seit einigen Jahren eine Szene, die unter dem Vorwand der ‚Islamkritik‘ irrationale Feindbilder verbreitet. Ihre Vertreter nutzen Debatten über den Islam im Allgemeinen und über Judenfeindschaft unter Muslimen im Besonderen, um als besorgte Beobachter getarnt den Einfluss rechtspopulistischer, rechtsintellektueller und christlich-fundamentalistischer Gruppen auf die öffentliche Kommunikation zu steigern.“
Verständlich wird diese sträfliche Verallgemeinerung, wenn man sieht, wie Autoren wie Peter Widmann, aber auch z. B. Kay Sokolowsky („Feindbild Moslem“) denken. Sie sehen die Kritik am Islam nicht als Reaktion einer besorgten Bürgerschaft, sondern als tief sitzende, dem deutschen Volk eigene Fremdenfeindschaft: „Man griffe zu kurz, interpretierte man die Szene nur als extreme Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 oder den Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh im Jahr 2004. Die islamfeindliche Propaganda wurzelt tiefer. Sie radikalisiert die populistische und extremistische Rhetorik der achtziger und neunziger Jahre gegen eine befürchtete Überfremdung.“ Dass solche Behauptungen selbst ganz nahe am Rassismus stehen, wird Peter Widmann anscheinend nicht bewusst. Und einen Beweis für diese, doch sehr provokante These bleibt er sowieso schuldig.
Irrtum 2: Islamkritik verurteilt nicht alle Muslime
Die Begriffe Islamophobie und Islamfeindlichkeit seien abzulehnen, argumentiert Sergey Lagodinsky in seinem Beitrag, da sie beide auf die Religion bezogen seien. „Es geht aber in erster Linie um Ressentiments gegenüber Individuen mit realem oder mutmaßlichem muslimischem [!] Hintergrund.“ Deswegen sei der Begriff Moslemfeindlichkeit zu wählen. Auch Wolfgang Benz behauptet in seiner Einführung, dass eine Gleichsetzung aller Muslime mit radikalen Islamisten stattfände. Doch genau darum geht es eben nicht, denn es handelt sich bei der öffentlichen Islamkritik meist um eine direkte Kritik am religiösen System Islam und nicht an den Gläubigen als Menschen. Ausnahme sind lediglich muslimische Akteure wie beispielsweise Tariq Ramadan, denen gezielte Segregation und religiöse Indoktrination vorgeworfen wird.
Angelika Königseder stellt in ihrem Beitrag hingegen richtig fest, dass „zunehmend […] dabei nicht zwischen radikalen islamistischen Gruppierungen und dem Islam als Religion unterschieden“ wird. Denn genau hier setzt ja die Islamkritik vieler an, dass eben die Polit-Religion Islam an sich das Problem darstellt und nicht ein möglicher Missbrauch durch Fundamentalisten. Thomas Tartsch hat in seinem Buch „Da’wa und Jihad – Islamischer Fundamentalismus und Jihadismus“ anhand islamischer Schriften beeindruckend nachgewiesen, dass es eigentlich keinen Islamismus im Sinne eines eben solchen Missbrauchs der Religion gibt, sondern der Islam an sich politisch ist und Gewalt legitimiert.
Auch das Argument Imam Attias kann diese Faktenlage nicht entkräften. Er führt an, dass sowohl Islamfeinde als auch Islamisten nur ihre Leseart des Korans gelten lassen und andere „Auslegungen als peripher, inkompetent, falsch, blasphemisch, verwestlicht, nicht authentisch“ ablehnen würden. Was er dabei nicht sieht, ist dass diejenigen, die behaupten Islam bedeute Friede, der Koran sei ein Buch der Liebe usw. genau das Gleiche tun: Sie unterstellen denen, die aus dem Koran die Aufforderung zur Gewalt ableiten, einen Missbrauch der Religion. Dass sich aber beides im Koran und anderen muslimischen Quellen wie der Sunna findet, dass sowohl friedvolle als auch kriegerische Elemente vorkommen, kann freilich schon jedes Schulkind nachlesen.
Die Devise lautet: Bloß nichts Falsches sagen…
Insgesamt macht es sich die Antisemitismusforschung einfach zu leicht, alle Hinweise auf eine Islamisierung Europas mit dem Vorwurf der Verschwörungstheorie abzutun. Einen Gegenbeweis zur Islamisierungs-These bringen die Antisemitismusforscher natürlich an keiner Stelle, weder zum wichtigen Thema Demografie noch zu den hohen muslimischen Kriminalitätsraten. Wissenschaftliches Arbeiten kann man das dann aber nicht mehr nennen.
Auch krankt anscheinend die gesamte (zumindest die hier vertretene) Antisemitismus-Forschung daran, jegliche Kategorie-Bildung jenseits der eigenen abzulehnen. So dürfen zwar Muster der Feindschaft gegen Juden auf die Feindschaft gegen Muslime übertragen werden. Was aber auf keinen Fall geschehen darf, ist die Zusammenfassung aller Muslime unter dem Merkmal ihrer Religion, auch wenn nahezu alle Statistiken genau diese Gemeinsamkeit betonen. Hier wird sofort die Rassismuskeule geschwungen, denn der Konflikt mit Muslimen dürfte nicht ethnisch oder gar religiös stigmatisiert werden.
So verweist man fröhlich auf die sozialen Umfelder der schulisch miserabel abschneidenden muslimischen Jugendlichen, ohne sich zu fragen, ob es vielleicht doch der Islam die Ursache für die soziale Lage ist, wofür die Fakten z. B. der Studie „Ungenutzte Potenziale“ durchweg sprechen. Auch wird angekreidet, dass das Kopftuch der türkischen Putzfrauen keinen gestört hätte, während es bei Lehrerinnen plötzlich von nationalem Interesse sei. Dass letztere aber eine etwas andere Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche – muslimische und nicht-muslimische – haben, übersehen die Forscher geflissentlich.
Die Antisemitismusforscher versuchen mit der Besetzung neuer Themen wie der Islamfeindschaft ihre Deutungshoheit im Bereich der Vorurteile zu bewahren. Unter dem Motto, sie seien es, die wissen, wie Rassismus funktioniert, wird die Kategorie-Bildung anderer wissenschaftlicher Disziplinen mittels empirischer Studien abgelehnt. Stattdessen wird die Diskussion mit Begriffen oder Diskursen des Antisemitismus emotional aufgeladen. Die Rassismusforscher streiten zwar ab, damit sagen zu wollen, die Muslime seien die neuen Juden. Wenn man den Islamkritikern aber genau das Gleiche vorwirft, wie den Antisemiten, dann findet im Subtext eben doch eine Gleichstellung des Opferstatus von Juden und Muslimen statt. Auf diese Weise versucht die Antisemitismusforschung letzten Endes nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Angesichts der Fakten die die tägliche Weltpresse liefert – und diese als genuin rassistisch abzutun wäre eine sehr unglaubwürdige Verschwörungstheorie – fragt man sich ernsthaft, was diese Antisemitismusforscher da tun. Sie sitzen in ihrem universitären Glashaus und halten sich an Vorurteilen gewisser rechter Kreise sowie vermeintlichen Vorurteilen größerer Bevölkerungsteile auf, während die Menschen im Alltag zunehmend mit realen Problemen durch Muslime konfrontiert sind. Henryk M. Broder („Hurra, wir kapitulieren“) nannte die Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamophobie spöttelnd eine Mode der Sozialpsychologie, Unterabteilung Vorurteilsforschung. Irgendwie erinnert das dann alles sehr an den „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch – es ist, als spielten die Rassismusforscher ein Spiel: Wer zuerst etwas Verallgemeinerndes sagt, hat verloren.
(Rezensiert am: 2010-01-15)
Wolfgang Benz (Hg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“, Metropol Verlag, 2009, ISBN-13: 9783940938329, 16.00 €
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