Thorsten Gerald Schneiders (Hg.):

Islamverherrlichung

Wenn die Kritik zum Tabu wird

Wenig Neues zur sachlichen Islamkritik und noch weniger zur Islamverherrlichung – ein Buch ohne Biss!

Von Felix Struening

Die Debatten über den Islam in Europa reißen nicht ab, ob dies nun Minarettbau- und Burka-Verbote betrifft oder muslimische Gebetsräume in Schulen. Hinzu kommt in letzter Zeit eine verstärkte Diskussion darüber, wie man über den Islam und Religionen im Allgemeinen sprechen darf. Entzündet hat sich diese Debatte vor allem an dem Vergleich zwischen Islamkritik bzw. Islamophobie und Antisemitismus. Thorsten Gerald Schneiders, Islam- und Politikwissenschaftler hat deswegen den ehrenwerten Versuch unternommen, im Publikationsprojekt „Islamfeindlichkeit versus Islamverherrlichung“ zusammen mit vielen Autoren und Experten zu ergründen, welche Formen der Kritik am Islam legitim sind.

Sachliche Islamkritik – und nicht Islamverherrlichung

Der nun vorliegende zweite Band ist leider keineswegs, was der Untertitel behauptet, also das Gegenstück zum ersten Band „Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen“: Es geht (fast) gar nicht darum, wie Islamverbände und gewisse Forscher und Politiker unserer Gesellschaft den Islam vergöttern und jede Kritik an ihm verteufeln. Es geht gar nicht um jene Kulturrelativisten, die alle als Rassisten stempeln, die andere Kulturen als weniger entwickelt oder als menschenfeindlich bezeichnen. Und es geht gar nicht um jene Gutmenschen, die sagen, wir dürfen uns nicht über andere stellen und die dabei meist selbst zu Rassisten werden, wenn sie behaupten, Muslime könnten nicht anders handeln, weil ihre Kultur oder Religion nun mal so sei. Das ist der „Rassismus der Antirassisten“, wie es Ayaan Hirsi Ali treffend nennt.

„Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird“ entwickelt also keinen Bezug zum ersten Band, keinerlei Debatte, keine Widersprüche – so wie es beispielsweise schon im Jahr 2007 das vom Perlentaucher-Chef Thierry Chervel herausgegebenen Buch „Islam in Europa“ tat. Anstatt also die Islamverherrlicher zu kritisieren – was übrigens das noch im Sommer 2010 erscheinende Buch „Feindbild Islamkritik“ tun wird – will der von Schneiders herausgegebene Band ein Beispiel dafür sein, wie sachliche Kritik am Islam aussehen kann. Doch dann hätte das auch im Titel stehen sollen.

Nicht der Islam ist schuld – aber es betrifft doch alle Muslime…

Worin besteht nun diese vorbildliche sachliche Islamkritik? Es lohnt sich zuerst einen Blick auf den Beitrag des Herausgebers zu werfen, denn hier sollte das Vorbild voll entfaltet sein. Schneiders müht sich darin an der islamischen Begründung von Selbstmordattentätern ab und kommt letztlich zu dem Schluss, dass politische Ziele der motivische Auslöser sein müssen, religiöse Überzeugungen aber helfen können, die Selbstaufgabe konsequent umzusetzen. Das hier sichtbar werdende Erklärungsmuster, dass die Religion Islam gut dazu missbraucht werden kann, Terrorismus etc. zu legitimieren, findet sich auch in vielen weiteren Beiträgen. Ein Teil aus der Einleitung von Schneiders bringt dieses Problem der meisten der hier versammelten Forscher sehr gut auf den Punkt:

„Die Lage vieler muslimischer Bürger in Deutschland ist nicht rosig. Bildungsdefizite, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnsituationen und so weiter ziehen Erziehungsprobleme, Einschränkungen der persönlichen Individualität […] oder hohe Kriminalitätsraten nach sich. Das hat zwar direkt mit dem Islam erst einmal nichts zu tun, aber laut diversen Studien der vergangenen Jahre sind Menschen mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund in Deutschland signifikant davon betroffen oder daran beteiligt. Das sich nun die meisten von ihnen vor allem als Muslime verstehen[…], ist die Situation faktisch doch wieder ein Problem, dem sich die Glaubensanhänger – vor allem die religiösen Würdenträger und Funktionäre – stellen müssen.“ Hinzufügen möchte man die Aufnahmegesellschaft, da sie mit ihrem Sozialstaat für genau diese Probleme einstehen muss und im Zweifelsfall ihren sozialen Frieden einbüßt.

… und warum dann doch der Islam schuld ist

Man kann genau dieses scheinbare Paradox auch Schneiders Vorgabe aus dem ersten Band „Islamfeindlichkeit“ entgegenhalten, dass nur Islamwissenschaftler eine sachliche, d.h. theologische, Kritik am Islam äußern können. Denn es geht weniger um die theologische Ableitung aus dem Koran, da mit diesem Krieg und Frieden, Frauenunterdrückung und Frauenwürde, Religionsfreiheit und Apologeten-Mord – kurz alles Mögliche und meist Gegensätzliches legitimiert werden kann. Dabei muss die als Islamismus, Jihadismus oder Fundamentalismus bezeichnete Auslegung des Islams genauso als richtig anerkannt werden, wie eine friedliebende oder reformistische. Die Ablehnung der jeweils anderen Perspektive ist letztlich nur eine diskursive Strategie im Kampf um die Deutungshoheit über den Islam. Worum es aber geht, ist, die reale soziale Situation einzuschätzen. Und hier beweist nahezu jede Studie, dass es unter den Migranten eben die Gruppe der Muslime ist, die Probleme hat und macht. Fazit: Koran hin oder her, eine durch den Islam geprägte Kultur reduziert Wissen, Toleranz und individuelle Freiheit und verstärkt Gewalt, Unterdrückung und Gruppenzwang.

Immerhin hat sich Schneiders an seine eigene Vorgabe gehalten: Von den 28 Autoren des Buches sind nur vier keine direkten Islamwissenschaftler und auch diese vier haben sich in ihrer Disziplin wissenschaftlich mit dem Islam auseinandergesetzt. Umso mehr erstaunt es, sehr banale Beiträge im Buch zu finden, selbst wenn sie von einem Professor für Religionswissenschaften geschrieben sind. So z. B. Adel Theodor Khoury: Blasenartige Allgemeinplätze zum Thema Islam, die jeder Zeitungsleser längst kennt, und zwar nicht erst seit dem 11. September 2001. Dazu ein Bild vom armen Muslim, der von der westlichen Aufnahmegesellschaft völlig überfordert ist, weil seine Religion ihm für diese Situation kein Verhalten vorschreibt – was übrigens einfach nicht stimmt. Ähnlich fürchterlich auch der Beitrag von Mathias Rohe, der dafür bekannt ist, das islamische Recht – die Scharia –zu großen Teilen mit dem europäischen Recht für vereinbar zu halten. Sein wenig ertragreicher Unterscheidungsversuch zwischen Islam und Islamismus weist keinerlei Systematik auf und zitiert belanglose E-Mails, um so auf allgemeine Verhaltensmuster zu schließen. Hinzu kommt eine eigentlich für die Vorurteilsforschung typische Ursache-Wirkung-Verdrehung, in dem Rohe durch die große Ablehnung des Islams in der deutschen Bevölkerung die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit gefährdet sieht. Ob diese Sorgen und Ablehnung des Islams aber begründet sind, ob sie reale soziale Ursachen haben und ob es nicht weniger um die Religion als deren ideologisch-politische Auswirkungen geht, danach fragt Rohe nicht.

Stärker in der theologischen Analyse

Man muss jedoch auch einen Teil des Buches würdigen, vor allem die ersten zehn Beiträge, die Grundsätzliches zum theoretischen Diskurs beitragen. Sie beschäftigen sich mit der Glaubwürdigkeit der Hadithen-Überlieferung, neueren Mohammed-Biografien im Verhältnis zu klassischen Quellen sowie der Vernunftsfrage im Glaubenskontext. So liefert beispielsweise Lamya Kaddor, die mit ihrer Koran-Adaption für Kinder bekannt wurde, eine theologische Begründung für die Abschaffung des islamischen Kopftuches. Hier, in diesen klassischen Gebieten der Islamwissenschaft hat das Buch seine Stärken, hier betreibt es im Sinne des Herausgebers sachliche Islamkritik. Geht es aber an die sozialwissenschaftlichen Bereiche, finden sich nur wenige wirklich schlüssige Texte, die auch noch einen wissenschaftlichen Mehrwert erzeugen. Lesenswert sind z. B. die Artikel von Michael Kiefer zum türkisch-islamischen Verband DITIB, von Kemal Bozay zu türkisch-nationalistischen Entwicklungen in Deutschland und letztlich von Juliane Wetzel, weil sie das zunehmende Problem des Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen beleuchtet.

Bücher ohne Biss

Insgesamt bleibt das Buchprojekt „Islamfeindlichkeit versus Islamverherrlichung“ unvollständig und unbefriedigend. Der erste Band stempelt zu monothematisch alle nicht-theologische Kritik am Islam als Rassismus ab und reduziert die breite und begründete Ablehnung der ideologischen Dimensionen des Islams in der deutschen Bevölkerung auf den rechten Rand. „Islamverherrlichung“ streut zwar perspektivisch und thematisch weiter, beschäftigt sich aber eigentlich mit etwas anderem und hat zudem wenig argumentativen Biss. Die Autorenauswahl verstärkt diesen Effekt noch, man vermisst streitbare Denker wie Ayaan Hirsi Ali, Hamed Abdel-Samad oder Tilmann Nagel. Sie alle haben sich auch wissenschaftlich mit dem Islam auseinandergesetzt und ihren Teil zur Debatte beigetragen. Die beiden von Schneiders herausgegebenen Bücher besitzen eher dokumentatorischen Charakter. Ihr Ziel – legitime Islamkritik zu definieren – können sie so nicht erreichen.

(Rezensiert am: 2010-05-25)

Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN-13: 9783531162584, 39.95 €


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