Annette Großbongardt, Dietmar Pieper:

Jerusalem

Die Geschichte einer heiligen Stadt

Vom Ursprung und Scheitern der abrahamitischen Weltreligionen – Jerusalem zwischen heiliger Stadt und geschlossener Anstalt!

Von Klaus-Jürgen Bremm

Was berechtigt nun eigentlich die Herausgeber dieses Bandes über Jerusalem, im Untertitel von der Geschichte einer „Heiligen Stadt“ zu sprechen? Kommt dadurch nicht ein religiöser Schlüsselbegriff ins Spiel, der kritisch hätte hinterfragt werden müssen, anstatt ihn quasi leitmotivisch zu verwenden? Was aber ist „heilig“ an einer 3000jährigen, nicht enden wollenden Gewaltgeschichte, die sich immer wieder an religiösen Gespinsten und Wahnideen entzündet hat? Wäre es also nicht Aufgabe der in diesem Band versammelten Autoren gewesen, mit dem tradierten religiösen Gewäsch von einer „Heiligen Stadt“ in einem „Heiligen Land“ endlich einmal gründlich aufzuräumen?

Jerusalem – Ort des Scheiterns der drei abrahamitischen Weltreligionen

An keinem anderen Ort des Weltgeschehens wurde und wird noch immer deutlich, wie sehr religiöse Ideen sich in unversöhnlichen politischen Frontstellungen manifestieren und wie sehr zugleich ihr monotheistischer Absolutismus zum ständigen Scheitern verurteilt ist. Das streng genommen nicht einmal monotheistische Christentum scheiterte hier in dieser unwirtlichen Hochebene des ehemaligen Judäa schon früh an der Machtfrage. Inzwischen ist das Christentum in Palästina und in Jerusalem eine „Quantité négligeable“, wie der Beitrag des FAZ-Korrespondeten Jörg Bremer imBand herausstellt. Das zum nationalistischen Zionismus transformierte Judentum findet seine Grenzen hingegen an der anschwellenden internationalen Ablehnung seiner anhaltenden Gewaltpolitik, während der Islam mit seiner unverhohlenen Unterdrückung von Freiheit und Individualismus schlicht vor den Herausforderungen der Moderne zu versagen droht.

Unnötige mythologische Beiträge

Mit dem üblichen Kotau vor den spirituellen Befindlichkeiten religionspolitischer Funktionäre werden an erster Stelle die ideologischen Ursprünge dieser Welthauptstadt der drei abrahamitischen Religionen geschildert. Das geschieht nicht immer sachlich, wenn etwa der Tübinger Theologe Karl-Joseph Kuschel von den „religiösen Energien“ des Tempelberges fabuliert und von dem „einen Gott“, den Juden, Christen und Moslems angeblich gemeinsam hätten. Bei seinen stillen Gebeten im Felsendom habe er angeblich immer wieder neu gespürt, was es bedeuten könne, wenn von diesem Platz ein Signal ausginge, dass jeder Mensch, egal welcher Hautfarbe, Nation und Religion ein Geschöpf des einen und wahren Gottes sei.

Derartige Mythologisierungen hätten in diesem Band unbedingt von den Herausgebern vermieden werden müssen. Sie sind überdies theologisch unhaltbar, denn wenn nach christlicher Überlieferung Gott tatsächlich Mensch geworden wäre, dann müsste er ein völlig anderer Gott sein als jener, der von Juden und Moslems die unbedingte Unterwerfung unter seine bizzaren Ritualgesetze verlangt. Wenig überzeugen kann auch die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth, die ihre Darstellung der ideologischen Ansprüche des Islam auf Jerusalem mit der sehr problematischen Feststellung schließt, die Abwehr der islamischen Geschichte und Tradition Jerusalems sei nur ein Symptom für die Monopolisierung von Epochen und kulturellen Leistungen für eine europäische und damit nichtislamische Geschichte. Dies sei ein Besitzanspruch, der sich besonders deutlich in dem Begriff eines exklusiv jüdisch-christlichen Europa manifestiert.

Den alttestamentarischen jüdischen Großstaat gab es wohl nie

Abgesehen von diesen eher privaten Ansichten bieten die in diesem Band versammelten 26 Autoren, die meisten davon allerdings Korrespondenten des Spiegel, ein interessantes und vielschichtiges Mosaik einer besonderen Stadt und der mit ihr verbundenen spirituellen und politischen Sehnsüchte. Dabei überwiegt die journalistische Darstellungsweise. Die Kürze der Beiträge, die jeweils nicht mehr als sechs Seiten betragen, erlaubt auch keine grundlegenden Analysen mit wissenschaftlichem Anspruch. Fachleuten wird der Band also kaum neue Einsichten vermitteln können. Auf einen Anmerkungsteil und eine weiterführende Bibliografie haben die Herausgeber konsequenterweise verzichtet. Die Bebilderung hätte allerdings großzügiger ausfallen können.

In den fünf Haupteilen dieses Publikumsbandes kommen nicht nur die religiösen Aspekte zur Sprache, sondern auch die wechselvolle politische Geschichte der Stadt, ihre Rolle als Bühne der Weltpolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und schließlich ihr aktuelles Schicksal als Zankapfel im israelisch-palästinensischen Konflikt. Längst ist die israelische Siegeseuphorie von 1967 der Erkenntnis gewichen, dass man sich mit dem östlichen Jerusalem und der Westbank übernommen hat. Der Preis für den damals so glänzend erscheinenden Sieg, so der renommierte israelische Historiker und Publizist Tom Segev, ist ein endloser Bürgerkrieg, den Israel allein schon wegen der für den Judenstaat ungünstigen demografischen Entwicklung nicht gewinnen kann.

Dass diese Auseinandersetzung nicht nur auf politischer und militärischer, sondern auch auf scheinbar wissenschaftlicher Ebene ausgetragen wird, kann kaum noch überraschen. Selbst archäologische Grabungen in der so genannten Davidsstadt oberhalb des Kidrontales werden dazu genutzt, alteingesessene palästinensische Familien aus ihren Häusern und Wohnungen zu vertreiben. Doch gerade die jüngsten archäologischen Befunde, wie sie etwa von Wissenschaftlern um Israel Finkelstein vertreten werden, dürften die modernen zionistischen Großmachtsvorstellungen Israels zumindest ideologisch in Frage stellen. Denn das oft beschworene davidisch-salomonische Großreich hat sich längst als fromme Fiktion erwiesen. Die beiden antiken jüdischen Staaten, Israel und Judäa, waren wohl niemals unter einem Zepter vereinigt, sondern stets ein Spielball im Gefüge der altorientalischen Supermächte. Der alttestamentarische jüdische Großstaat und die Herrlichkeit des salomonischen Tempels sind somit Chimären mit nicht mehr Wahrheitsgehalt, als die sagenhafte Geschichte vom Ritt des Propheten auf dem Burak.

Vom Mythos der grundsätzlichen Friedfertigkeit der Religionen

Eine „Tragödie ohne Schlussakt“ nennt die Herausgeberin Annette Großbongarth die Geschichte Jerusalems, als deren Verantwortliche der Leser ohne weiteres religiösen und nationalistischen Wahn ausmachen kann. Es bleibt sicherlich ein Manko des Bandes, dass es den zuständigen Autoren nicht gelungen ist, die monotheistische Religiosität gleich welcher Schattierung in ihrem Absolutheitsstreben als tatsächliche und einzige Ursache der unfriedlichen Dauermisere herauszustellen. Stattdessen wird nur über ihre gewaltsamen Auswüchse lamentiert und damit der beliebte Mythos von der grundsätzlichen Friedfertigkeit religiös geprägter Menschen oder Gruppen kritiklos erneuert.

Auch Henryk Broder weicht mit seinem Beitrag von dieser Linie nicht unbedingt ab, wenn er in gewohnt respektlos-ironischer Weise von Jerusalem als einem „Rummelplatz der Religionen“ schreibt. Weil er schon immer eine Schwäche „für Kirmes und Zirkus, für Clowns und Akrobaten, Feuerschlucker und Seiltänzer hatte“, gefiel es ihm auch in Jerusalem, das er in den 1980iger Jahren besuchte, ausgesprochen gut. Würde man die Stadt allerdings überdachen, so zitiert er zum Schluss augenzwinkernd den deutsch-jüdischen Auswanderer Gad Granach, wäre sie wohl eine geschlossene Anstalt.

(Rezensiert am: 2009-12-15)


BuchTest Services
Annette Großbongardt, Dietmar Pieper: Jerusalem. Die Geschichte einer heiligen Stadt, DVA, 2009, ISBN-13: 9783421044655, 19.95 €


Bookmark and Share


powered by eurobuch.com
Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | Tier & Natur | Essen & Trinken | Sport & Fitness |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews
Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt