Irvine Welsh:
Das Leben einer verlorenen Jugend – ekelerregend, widerlich und faszinierend zugleich!
Von Stefanie Wente
Dieses Buch verdient seinen Titel wirklich, denn es ist wie Kleber auf der Haut: Zuerst bist du fasziniert von seiner Konsistenz, dann angeekelt ob seiner Schmierigkeit, doch je mehr du versuchst ihn von deinen Fingern zu bekommen, desto fester bleibst du daran kleben und am Schluss, wenn er nicht mehr da ist, hast das komische Gefühl dass etwas fehlt.
Dies ist die Geschichte von vier Freunden, Terry Lawson, Carl Ewart, Billy Birrell und Andrew Galloway. Sie gehen gemeinsam zur Schule und ihre Eltern sind teilweise befreundet. Ganz normale schottische Jungs mit ganz normalen arbeitenden Eltern. Doch die Idylle trügt: Sie leben in der Arbeitersiedlung von Edinburgh und was zu Beginn noch schöne Neubauten waren, entwickelt sich mit der Zeit zu einer heruntergekommenen Siedlung mit blätterndem Putz und arbeitslosen Kids an jeder Ecke. In Abständen von je zehn Jahren folgt die Erzählung dem Leben der vier Männer, immer geht es um Sport, Frauen, Sex und Alkohol. Daran ändert sich auch nicht wirklich etwas über die Jahrzehnte hinweg. Doch immer wieder stellt sich die Frage nach der Freundschaft zwischen ihnen, mal mit gutem, mal mit schlechtem Ausgang. Erschreckend normal und doch wieder absolut außergewöhnlich, wie das Leben der vier Jungen abläuft.
„Als er wegging, hat meine Ma sich hingehockt und mich festgehalten und ich konnte hören wie sie weint, aber ich hab nicht geweint weil ich ein großer Junge bin und ich wein nie!“
Irvine Welsh formt das Bild einer Jugend, das so verstörend ist, dass man alles gerne als Spinnerei abtun würde. Doch leider muss man im Laufe der Lektüre zugeben, dass die Entwicklung der vier Jungen gar nicht anders hätte ablaufen können, wenn man ihre Kindheit betrachtet und die ihren Handlungen zugrunde liegenden Motivationen. Trotzdem widert einen der Gedanke an, dass alle Jungs mit fünfzehn Jahren solche Gedanken gehabt haben. Das Schlimme und Abstoßende an diesem Buch sind noch nicht einmal die Gesetzeswidrigkeiten, welche die Bande immer wieder begeht, sondern vielmehr ihr Verhältnis zu Frauen. Wenn man da überhaupt von einem Verhältnis ausgehen kann, da Frauen im Buch, zumindest in der ersten Hälfte, primär auf ihre sexuellen Reize und Fähigkeiten reduziert werden. Wie Terry an einigen Stellen sagt, sind sie eben „das Salz in der Suppe.“ Was bedeutet: Je mehr du gefickt hast, desto besser.
„War nicht leicht, morgens aus dem Bett zu kommen bei dem Ständer, den ich hatte, und dann die zwei da pennend auf dem Boden. Ich hol mir noch nen Kleinen auf sie runter, und das meiste geht auf den Teppich, n bisschen allerdings auf den Arm von Gails Bluse.“
Eine Mentalität, die mir als Frau extrem entgegenläuft. Doch mit der Zeit entwickelt man so was wie Zuneigung zu den verschrobenen Charakteren und am Ende habe ich mit ihnen gelitten. Irvine Welsh schuf mit „Klebstoff“ ein äußerst bewegendes Buch über eine Freundschaft mit allem, was dazugehört – und noch ein bisschen mehr. Denn geboren in einer Zeit, die kaum Perspektiven lässt, bedeutet Freundschaft etwas anderes, als bei denen, die alles haben, was sie sich wünschen. Es ist eine Geschichte über die Macht des Willens und dass man niemals aufgeben sollte. Denn man ist keine Sekunde lang allein.
„Aber jetzt mach ich’s wieder, ich belüge mich selbst, nur um des Vergessens willen. Ich will weniger sehen und spüren, nicht mehr, und deswegen habe ich mich so zugeballert. Und der Endeffekt: Ohne ersichtlichen Grund schnall ich ab.“
„Klebstoff“, das sind über 600 Seiten geballte Handlung. Zeitgeschichte mischt sich mit persönlichen Schicksalen und erhebt alles auf eine höhere Ebene. Das Lesen dieses scheinbar wild zusammengewürfelten Haufens von Momenteindrücken gestaltet sich manchmal als sehr schwierig, da Welsh keine Markierung der direkten Rede nutzt, außer einem Bindestrich zu Beginn des Gesagten. Oft fragt man sich, ob das gerade laut ausgesprochen oder nur gedacht wurde. Dennoch kann man die Finger nicht von dem Buch lassen, auch wenn man es nach den ersten Kapiteln am liebsten angewidert in die Ecke pfeffern würde. Doch die Umgangssprache der schottischen Jugend und das ungetrübte Bild auf eine Welt, die so fremd und doch gleichermaßen so vertraut erscheint, zieht einen in seinen Bann und so fiebert man mit, Seite um Seite, bis man plötzlich an das schockierende Ende kommt. Es zerreißt den Schleier und klärt alle Zusammenhänge. Und vielleicht ist die Hoffnung auf ein Happy End gar nicht so unrealistisch, wie man zuerst angenommen hat.
(Rezensiert am: 2007-04-28)
Irvine Welsh: Klebstoff. , Deutscher Taschenbuch Verlag, Juli 2004, ISBN-13: 9783423207256, 11.90 €
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