Hans-Heinrich Nolte:
Die „große“ Geschichte Russlands „klein“ gehalten – Basisliteratur für Slawisten und eine Einführung für Interessierte!
Von Waldemar Kipphan
Hans-Heinrich Nolte bietet in seinem Buch „Kleine Geschichte Rußlands“ einen Gesamtüberblick über die Geschichte der slawischen Völker von der Warägerzeit bis zu der Regierungsübernahme Wladimir Putins. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung der Sozial- und Wirtschaftsstruktur, sowie auf den internationalen Verflechtungen des Zaren- und des Sowjetreiches, Die Kulturgeschichte und insbesondere die russische Literatur wird dagegen lediglich gestreift. Ihm gelingt es die multikonfessionelle und polyethnische Struktur der russischen Imperien, die sich unter den verschiedenen Reichsbildungen häufig veränderte und vielen Einigungsversuchen ausgesetzt war, zu verdeutlichen.
Allerdings birgt das Unterbringen des gewaltigen Themenspektrums und die Einteilung in viele Untergliederungen die Gefahr, wichtige Themen nur am Rande zu berühren. Das Buch mit dem Gesamtumfang von etwa 540 Seiten ist in 27 Kapitel und in ca. 180 Abschnitte unterteilt. Viel Platz nehmen auch die zahlreichen Karten, Schaubilder und Tabellen in Anspruch. Es sind somit viele statistische Werte, die von Bevölkerungszahlen, Industrieentwicklung bis zu Schaubildern, welche die Geburtenrate in den verschiedenen Zeiten der russischen Geschichte aufzeigen, vorhanden. Sie stellen eine Ergänzung des Textes dar, sind leicht nachzuschlagen und übersichtlich strukturiert. Die einzelnen Abschnitte sind durch Zwischenüberschriften voneinander getrennt. Dabei bleiben die den verheißungsvollen Überschriften folgenden Texte leider oftmals hinter den geweckten Erwartungen zurück. So verbergen sich hinter der Überschrift „Vergleich der Diktaturen“, wobei auf den Vergleich des Stalinismus und Nationalsozialismus abgezielt wird, lediglich wenige, grob umschriebene Merkmale, welche die beiden Systeme voneinander unterscheiden und beide gemeinsam haben. Untergebracht ist dieser Abschnitt auf weniger als einer Seite.
Insgesamt wird der Inhalt sehr angenehm vermittelt. Nolte bedient sich dabei einer gut zu verstehenden und leicht bewertenden Sprache. So schreibt er, dass Putin wohl der rechte Mann für die Einbeziehung der demokratischen Elite Russlands ist (S.445). Dabei stellt sich die Frage, ob dieser leicht wertende Stil einer kritischen Hinterfragung standhalten könnte. Eine solche scheint in Noltes Werk insgesamt nur wenig verwendet zu sein, es wirkt eher als eine Zusammenfassung vielseitiger Sekundärliteratur unter Berücksichtigung einer bestimmten Betrachtungsweise.
Zugute halten muss man dem Autor aber, dass er sich nicht nur an ein Fachpublikum wendet. Sein Werk eignet sich einerseits, um sich einen ersten Überblick über bestimmte Bereiche zu verschaffen oder Daten nachzuschlagen und andererseits, um interessierten Lesern einen wissenschaftlich fundierten, aber trotzdem gut verständlichen Einstieg zu gewährleisten. Als ein Basiswerk, das immer wieder hervorgenommen werden kann, ist sein Preis auch durchaus gerechtfertigt.
(Rezensiert am: 2004-03-03)
Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Russlands. , Reclam, Oktober 2003, ISBN-13: 9783150105412, 19.90 €
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