Harald Welzer:

Klimakriege

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Das Boot ist voll, darf ich Sie schubsen? Ressourcenkampf in der klimawandelnden Welt!

Von Lena Strehlow

Eine menschengemachte Apokalypse steht bevor, folgt man dem Essener Sozialpsychologen Harald Welzer. Der Klimawandel wird jene armen Gesellschaften am härtesten treffen, die dafür so wenig verantwortlich wie gewappnet sind: Sie werden im Überlebenskampf und Dauerkrieg versinken. Die westlichen Industrienationen werden sich gegen die entstehenden Flüchtlingsströme abschotten. Und dabei ganz nebenbei ihre Grundwerte verraten.

Globale Ungerechtigkeit und sinkende Gewalt-Hemmschwelle

Auf die zivilisationszersetzende Wirkung des Klimawandels sind weder Gesellschaft noch Forschung vorbereitet; die wachsende Konkurrenz um knapper werdende Lebensgrundlagen wird die fragilen Gemeinwesen der Entwicklungsländer sprengen. Welzer ist überzeugt: Gewalt avanciert zum attraktiven und legitimen Problemlöser. Darfur sei ein erstes trauriges Beispiel für derartige „Klimakriege“ – ein Terminus, der hier als Erkenntnis eines Querdenkers verkauft, in unzähligen Publikationen und Konferenzen allerdings schon länger diskutiert wird.

Konfliktpotential liegt nach Welzer nicht nur im unmittelbaren Überlebenskampf, sondern auch in der sich verschärfenden globalen Ungerechtigkeit. Die Verursacher des Klimawandels verfügten über finanzielle und technische Möglichkeiten, sich ihm anzupassen: Norddeutschland kann Deiche bauen, was bleibt den Menschen in Bangladesh? Die Emigration, wenn es sein muss, auf illegalem und lebensgefährlichem Wege. Die hiesigen Gesellschaften jedoch seien nicht bereit, diejenigen aufzunehmen, die sie selbst heimatlos machten. Das Ergebnis seien Wasserleichen an Spaniens Stränden, entwürdigende Flüchtlingslager in Italien und dem Verdursten überlassene Migranten in Marokkos Wüsten. Dass auf diese Weise den Flüchtlingen indirekt, in Welzers Worten: strukturell Gewalt angetan wird, werde in den westlichen Gesellschaften verschleiert. Der US-amerikanische Grenzzaun zu Mexiko etwa zwinge Einwanderer, auf riskante Routen auszuweichen, und die EU-Agentur Frontex diene vor allem dazu, das Einwanderungsproblem an die Peripherie zu drängen – Gewaltausübung also in die angrenzenden Transitländer zu verlagern. Diese Missachtung der Menschenrechte und des Asylrechts höhle die rechtsstaatlichen Prinzipien und humanistischen Werte der Zielländer aus. So schwinde unbemerkt die moralische Hemmschwelle, Gewalt zur Lösung von Problemen einzusetzen: hier versteckt, dort offen.

Gewalt als menschliche Verhaltensoption

Welzer erklärt diesen lautlosen Dammbruch mit „shifting baselines“: Als Bezugsgröße für normales Verhalten wird immer der Ist-Zustand herangezogen. Die Vergangenheit wird unbewusst mit heutigen Wertmaßstäben neu beurteilt, so dass Normverschiebungen von den Akteuren gar nicht erkannt werden können. Auf die zivilisierende Kraft der Aufklärung setzt Welzer darum keinen Pfifferling, sondern sieht Gewalt weiterhin als allgegenwärtige, menschliche Verhaltensoption. Die Besessenheit, mit der Welzer auch immer wieder den Holocaust als erhellendes Beispiel für scheinbar rationale Gewalt heranzieht, erklärt sich wohl auch mit seinen eigenen Forschungsschwerpunkten.

Dass diesen alarmierenden Zukunftsaussichten bislang so wenig entgegengesetzt wird, begründet der Autor unter anderem mit dem Verlust der Kausalität in komplexen Entscheidungsstrukturen: Wer die Folgen seines Handels nicht mehr abschätzen kann, kann nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Der einzelne Bürger oder Staat sei nicht mehr handlungsfähig, internationale Kooperation jedoch mangels Zwangsmechanismen nicht herstellbar. Individuelle Beiträge wie Stromsparen zu Hause und auch nationale Aktionspläne dämonisiert Welzer geradezu. Diese würden nur von der Dringlichkeit einer echten Lösung ablenken. Es scheint fast, als hielte er Panik oder Apathie ob der Komplexität und Dimension des Klimawandels für angemessener – beides keine politischen Optionen. Liest man darüber ebenso hinweg wie über messianische Forderungen an die zukünftige Forschungsagenda und folgt, auch in Ermangelung eines hilfreichen Inhaltsverzeichnisses, dem Gedankenfluss Welzers, so hält man zwar kein angehendes Standardwerk in Händen, aber ein anregendes, alarmierendes Lesebuch.

Zuerst veröffentlicht in: 360°, das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 1/2009: Krieg und Frieden.

(Rezensiert am: 2009-08-14)

Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Fischer Verlag, 2008, ISBN-13: 9783100894335, 19.90 €


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