Roger Crowley:
Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – eine Stadt zwischen Europa und Asien als verlorenes christliches Bollwerk und Metropole aufstrebender islamischer Herrschaft!
Von Klaus-Jürgen Bremm
Wohl nur wenigen modernen Europäern ist noch bewusst, dass Konstantinopel, das heutige Istanbul, lange vor Rom für mehr als ein Jahrtausend die christliche Stadt überhaupt war. Ihr weit blickender Gründer, Kaiser Konstantin I., hatte nichts Eiligeres zu tun, als nach der Erringung der Alleinherrschaft im Römischen Reich an strategisch erstklassiger Stelle seine neue Kaiserstadt zu erbauen, weitab von der damals im 4. Jahrhundert noch vollkommen heidnischen Tibermetropole. Gerade die Geschichte der neuen Hauptstadt des ersten christlichen Kaisers auf dem römischen Thron demonstriert anschaulich, welche religiös-ideologischen Transformationen ganze Weltteile erleiden können: Das heidnisch-hellenistische Byzanz stieg durch ihn zunächst zur christlichen Kaiserstadt auf und wurde schließlich die Kapitale einer muslimischen Weltmacht, die heute kaum noch Spuren ihrer vorislamischen Vergangenheit aufweist. Zugleich aber ist das damals vom Kaiser gemiedene heidnische Rom heute die unbestrittene Metropole der katholischen Christenheit.
Umkämpfte Metropole am Bosporus
In seiner rund 1100-jährigen Geschichte wurde Konstantinopel nicht weniger als 23 mal belagert, aber nur zweimal eingenommen, das letzte Mal durch die osmanischen Türken am 29. Mai 1453. Seither ist es zu keiner weiteren Belagerung oder gar Rückeroberung der neuen Hauptstadt des osmanischen Reiches durch eine christliche Macht gekommen, trotz der eklatanten militärischen Schwäche der Türken im Laufe des 19. Jahrhunderts. Der Fall von Konstantinopel war zugleich aber auch einer der letzten großen Erfolge des neuen muslimischen Imperiums, das 1529 und 1683 zweimal an Wien scheiterte und allenfalls mit einigen verwegenen Streifkorps in die Reichweite Roms gelangte.
Der britische Autor Roger Crowley hat es unternommen, die dramatische Geschichte der letzten Belagerung Konstantinopels noch einmal genau nachzuzeichnen. Er ist damit mutig in die Fußstapfen seines Landsmannes Steven Runciman getreten, dessen legendäres Werk über den Fall der Kaiserstadt bereits 1965 erschien. Wirklich Neues gegenüber diesem Klassiker findet sich auch in der jetzt vom Stuttgarter Theiss-Verlag in deutscher Übersetzung vorgelegten Arbeit des studierten Literaturwissenschaftlers und Hobby-Historikers nicht. Gleichwohl ist sein Buch durchaus lesenswert, da er die Abläufe dieser letzten Belagerung der Kaiserstadt in epischer Dichte bis zu jenen entscheidenden Stunden schildert, in denen am Morgen des 29. Mai 1453 die letzte nur noch wenige Quadratkilometer umfassende Enklave des ehemals die Welt beherrschenden Römisches Reiches unterging.
Trotz seiner dramaturgisch geschickten Inszenierung macht Roger Crowley unmissverständlich klar, dass der Untergang der tapfer kämpfenden Byzantiner, die sich selbst aber als Rhomäer, also als Römer betrachteten, strategisch längst besiegelt war. Selbst wenn die dünne Verteidigungslinie am Morgen des 29. Mai 1453 gehalten hätte und selbst wenn die möglicherweise demoralisierten Janitscharen, die Elitetruppe des Sultans, danach nicht mehr zu weiteren Sturmangriffen zu bewegen gewesen wären, die Einnahme der Stadt hätte sich nur um wenige Dekaden verzögert. Tausend Jahre lang hatten die mächtigen theodosianischen Mauern jeden Feind und selbst zwei arabische Belagerungen abgehalten, doch im Zeitalter der Artillerie war ihr Schicksal besiegelt.
Das Osmanische Reich wird zum Erzfeind des Christentums
Roger Crowley lässt auch keinen Zweifel daran, dass das Osmanische Reich unter dem jungen Sultan Mehmet II. im Gegensatz zum verarmten Byzanz, aber auch im Vergleich zu den Europäern die modernere Macht war, die ihre militärischen Ressourcen besser zu organisieren verstand und sich um jede technische Verbesserung bemühte. Zahlreiche Christen dienten daher auch in der osmanischen Armee, meist zwangsweise, aber vielfach auch ohne irgendeinen nachweisbaren Loyalitätskonflikt. Gleichzeitig kämpften aber auf den Mauern von Konstantinopel sogar 300 Türken unter dem osmanischen Prinzen Orhan, die sich keinerlei Illusionen darüber machten, was ihnen im Falle einer Niederlage drohte.
Für die Europäer schien das Schicksal ihrer fernen Glaubensgenossen ohnehin nur von geringer Bedeutung, galten doch die orthodoxen Griechen beinahe als Häretiker und Verräter am wahren Glauben, die sich nicht einmal scheuten, sogar mit den Muslimen gemeinsame Sache zu machen. Angesichts dieser wenig einsichtigen Haltung fiel die westliche Unterstützung der eingeschlossenen Stadt beschämend dürftig aus. Die Nachricht von der Eroberung der Stadt und vom traurigen Schicksal ihrer Bewohner, die sämtlich deportiert wurden, wirkte dennoch in Westeuropa wie ein Schock. Es gab damals kaum jemanden, der nicht sofort begriff, dass mit dem fraglos heroischen Untergang Konstantinopels nach 53-tägiger Belagerung eine irreversible Entscheidung gefallen war und sich das strategische Kräfteverhältnis zwischen Christentum und Islam damit nachhaltig verändert hatte.
Kaum 100 Jahre, nachdem die Türken in Gallipoli zum ersten Mal auf europäischen Boden Fuß gefasst hatten – die Stadt war von ihren griechischen Bewohnern nach einem verheerenden Erdbeben verlassen worden –, beherrschten sie bereits den Balkan bis zur Donaulinie. 70 Jahre später standen sie erstmals vor Wien und pochten an die Tore des Heiligen Römischen Reiches. Erst mit dem Fall von Konstantinopel allerdings, so Roger Crowley, avancierte das Osmanische Reich zum ideologischen Erzfeind der Christenheit und die Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum nahm geografisch eindeutigere Konturen an.
Lehrstück für Europas Metropolen?
Der Untergang von Konstantinopel liegt erst fünfeinhalb Jahrhunderte zurück, rechnet Crowly vor und macht zugleich darauf aufmerksam, dass diese Zeitspanne geringer ausfällt als der Abstand zwischen der letzten arabischen Belagerung im Jahr 719 und dem endgültigen Fall der Stadt.
Kann es einen nachdrücklicheren Nachweis für den in langfristigen Perspektiven agierenden Islam geben? Es wäre eine interessante Frage, was in weiteren 550 Jahren aus den europäischen Metropolen geworden sein wird, deren Bevölkerungen heute schon bedeutende und rasch wachsende muslimische Minderheiten aufweisen.
(Rezensiert am: 2009-12-22)
Roger Crowley: Konstantinopel 1453. Die letzte Schlacht, Theiss, 2008, ISBN-13: 9783806221916, 22.90 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |