Winston S. Churchill:

Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi

Staatsmann Churchill als scharfsinniger Beobachter seiner Zeit – ein wichtiges historisches Dokument nun endlich auf Deutsch!

Von Felix Struening

Für viele stellt der Mahdi-Aufstand im Sudan von 1881 bis 1898 das erste Auftreten des modernen politischen Islam dar. In zahlreichen Werken von Karl May (Im Lande des Mahdi I-III) über Arnold Höllriegel (Die Derwischtrommel) bis zu Wilfried Westphal (Sturm über dem Nil) hat die zeitweise Herrschaft der Islamisten literarische und Sachbuch-artige Annäherungen erfahren. Was aber die wenigsten wissen ist, dass der spätere britische Premierminister Winston S. Churchill als junger Offizier an dem britisch-ägyptischen Feldzug gegen den Mahdi beteiligt war und seine Erlebnisse in einem umfangreichen Buch „The River War“ niederlegte. Nach über hundert Jahren liegt nun erstmals eine deutsche Übersetzung vor.

Der Mahdi-Aufstand im Sudan

Für die Schiiten ist der Mahdi (arab.: der Rechtgeleitete) der zwölfte Imam, der sich im Jahr 941 (christlicher Zeitrechnung) verbarg und dessen Ankunft als Erneuerer des Islams seitdem erwartet wird. In der Verfassung des Iran von 1979 wird der Mahdi sogar als wahres Staatsoberhaupt bestimmt. Zahlreiche Personen behaupteten im Laufe der Geschichte der Mahdi zu sein. Unter ihnen war Muhammad Ahmed, der von 1881 bis zu seinem Tod 1885 die ägyptischen und britischen Besatzungsmächte in großen Teilen des Sudan vertrieb und einen Gottesstaat errichtete. Nach seinem Tod führte Abdallahi ibn Muhammad, genannt Khalifa, den Krieg weiter, bis er von einer großen britisch-ägyptisch-sudanesischen Streitmacht unter Sir Herbert Kitchener in der Schlacht bei Omdurman geschlagen wurde.

In der Endphase jenes Feldzuges war Winston S. Churchill als Kriegsberichterstatter und Offizier der „21st Lancers“, einer Kavallerie-Einheit, beteiligt. Mit großer Begeisterung spricht er vom Krieg, der für ihn als Briten Ehrensache ist. Aussagen wie „ungeachtet des Feuers rollten die angreifenden Kolonnen mit der Majestät des Kriegs auf die Seriba herab – eine Lawine von Männern, entschlossen, unnachgiebig, völlig unwiderstehlich“ oder „[d]ie schreckliche Maschine, die anmutig auf dem Wasser trieb – ein wunderschöner weißer Teufel –, hüllte sich in Rauch ein“, zeigen die Faszination, die „wissenschaftliche Waffengewalt“, wie Churchill es nennt, auf ihn ausübt.

Zugleich ist er ein Verehrer des Kampfes Mann gegen Mann und er sieht in den Derwischen – den Anhängern des Mahdi – vor allem ihren Mut und ihre Bereitschaft für ihre Sache zu sterben. „Sie lassen die Tugendenden von Barbaren erkennen, sie sind mutig und aufrichtig. Ihre unzivilisierten Gewohnheiten werden mit ihrer bescheidenen Intelligenz entschuldigt, ihre Ignoranz bürgt für ihre Unschuld“, urteilt Churchill sowohl über die negriden Ureinwohner des Sudan, als auch über die arabischen Bevölkerungsteile, die unter dem Mahdi kämpfen.

Churchill und der Islam

An diesen genannten Stellen wird die koloniale – heutzutage würde man sagen rassistische –Sichtweise des Autors besonders deutlich. Für ihn handelt es sich um den Zusammenprall von Wilden bzw. Barbaren und der Zivilisation. Auch innerhalb der eigenen Truppen werden die Briten immer gesondert erwähnt, gefallene Offiziere unabhängig von den getöteten Soldaten gezählt. Das britische Selbstbild strotzt von der Überzeugung, dass Bildung zu edlem Verhalten führt, dass Ordnung und Tugend den guten Menschen ausmachen.

Dem Mahdi selbst schuldet der Autor ebenfalls Respekt, er hält ihn für einen Menschen mit Idealen und Überzeugung. „Aber was auch immer dem Konto des Mahdi belastet werden mag, nicht vergessen werden sollte, daß er Leben und Seele in die Herzen seiner Landleute gebracht und das Land seiner Geburt von der Herrschaft der Fremden befreit hat.“ Ob Churchill in Kenntnis heutiger Bedingungen und der islamistischen Milizen im Sudan noch immer so urteilen würde, bleibt fraglich. Auch die abschließenden Betrachtungen zu einer möglichen, friedlichen Zukunft des Sudans sind im historischen Rückblick leider nicht im Geringsten eingetroffen.

„Seit dem Sturz der Taliban verfügt der militante Teil der islamisch-fundamentalistischen Weltbewegung wiederum über ein einzige staatliche Bastion: Wie schon zur Zeit des Mahdi ist das der Sudan“, stellt Übersetzer und Herausgeber Georg Brunold einleitend fest. Churchill selbst hielt den Islam allerdings nicht für den Grund des Aufstandes im Sudan, sondern lediglich für dessen Verstärker. Bei Revolutionen würde die große Unzufriedenheit im Volk durch einen „großen Geist“, in diesem Falle dem Mahdi, zunächst „beseelt“ werden. Als Motiv dienten anschließend bei gebildeten Völkern Tradition, Ehre und Mitleid, bei den ungebildeten Völkern der Fanatismus. So hätten sich die Vertreter der französischen Revolution auf die Menschenrechte berufen, die Derwische eben auf ihren Gott. Auslöser sei jedoch die harte Unterdrückung durch die ägyptische Vorherrschaft gewesen.

In Anbetracht des weltweiten islamischen Terrorismus und des immer verbreiteteren politischen Islams muss Churchill auch hier widersprochen werden. Der Islam als Religion hat sich längst als eigenständige Gewalt- und Terrorismus-Quelle etabliert. Auslöser für Selbstmordattentate und andere Anschläge sowie die Unterdrückung der eigenen Glaubensanhänger, insbesondere der Frauen, sind nicht den ehemaligen Kolonialmächten geschuldet. Sie finden stattdessen ihren Ursprung in Koranversen und innerislamischer Tradition.

Ein wichtiges zeithistorisches Dokument

„Die Erde brennt mit dem unlöschbaren Durst ganzer Weltalter, und am stahlblauen Himmel stört kaum eine Wolke den nie aussetzenden Triumphzug der Sonne.“ Die malerische Sprache Churchills, dieser manchmal pathetische Ton wirkt wie aus einer vergangenen Welt, wie die Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Nach den einleitenden Kapiteln zur Natur und Lage des Sudan ändert sich der Sprachgebrauch jedoch schlagartig, sobald der Autor beginnt, über die militärischen Einzelheiten des Kriegszuges zu berichten. Akribisch und protokollhaft erfasst er jeden einzelnen Truppenvorstoß, jeden Offizier mit Namen und Rang. So wird „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi“ zu einem Tatsachenbericht, zu einem militärischen Protokoll und durch Churchills Kommentare zu einem Bild der Zeit.

Über das umfangreiche literarische Schaffen Winston S. Churchills ist nur wenig bekannt. Für sein sechsbändiges Werk über den Zweiten Weltkrieg wurde der Autor sogar mit dem Literaturnobelpreis bedacht. „The River War“ über den Krieg gegen den Mahdi erschien erstmals 1899 in zwei Bänden mit umfangreichen Bild- und Kartenmaterial. Später autorisierte Churchill einige weitere gekürzte Ausgaben und fügte Auszüge des Buches anderen Werken bei. So ist von dem Feldzug auch in seinem Buch „Weltabenteuer im Dienst“ die Rede.

Dem Eichborn Verlag ist es zu verdanken, dass „The River War“ nun erstmals in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Übersetzer und Herausgeber Georg Brunold hat sich dabei vorwiegend auf die späteren gekürzten Ausgaben gestützt und diese um Teile der Erstausgabe erweitert. Warum hier keine editorische Einheitlichkeit gewahrt wurde, wird allerdings nicht erklärt.

Wie Thomas Kramer in „Der Orientkomplex“ kürzlich aufgezeigt hat, prägen literarische und semi-faktische Darstellungen unser Bild vom Nahen Osten und dem Islam nachhaltiger, als die Nachrichten zu Irak, Iran und Afghanistan. Erinnert sei etwa an das vielfach verfilmte Buch „Die vier Federn“ von A.E.W. Mason oder T.E. Lawrence mit „Die sieben Säulen der Weisheit“. Aufgrund dessen darf Churchills akribische Beschreibung, gewürzt mit dem britisch-kolonialen Tonfall seiner Zeit als ein wichtiges zeithistorisches Dokument angesehen werden. Ganz nebenher ist außerdem eine unterhaltsame Lektüre.

(Rezensiert am: 2009-07-29)

Winston S. Churchill: Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi. , Eichborn, 2008, ISBN-13: 9783821847658, 26.95 €


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