Robert Schneider:
Unvollständig komponiert, oft ab-erzählt und aufgebauscht, doch in brillant-düsterer Verpackung!
Von Stefanie Schmidt
„Sie wollten das Paradies und brachten die Hölle.“
Sie wollten das himmlische Jerusalem, eine Welt, in der Arm und Reich nicht getrennt sind voneinander, eine Welt, in der Alte umsorgt und Kinder heiter sind. Sie wollten Frömmigkeit, Gleichheit und Freiheit. Sie wollten die Revolution.
Die Wiedertäufer.
Robert Schneider führt den Leser in die Mitte des 16. Jahrhunderts, in die Zeit einer Sekte, die den Untergang predigte und gegen die katholische Kirche hetzte, einige Jahre nach den Lutheranern und von ganz anderer Größe. Die Geschichte beginnt mit der Kindheit und Jugend des Protagonisten Jan Beukels, ausgeschmückt und psychologisierend erzählt. Jan ist ein Gottsuchender, der sich nichts sehnlicher wünscht als eine Aufgabe im Leben, der seinem Schulmeister gesteht, dass er Kristus werden will. So kommt er in die Stadt Münster, dem verheißenen Ort der inneren Freiheit. Wohl eher durch Zufall wird aus dem Sohn einer Dienstmagd der neue Prophet der Wiedertäufer, Jan van Leyden fällt die Herrschaft der Stadt quasi in den Schoß, als König von Münster.
„Idealisten wurden zu Fanatikern, wenn ihnen die Macht gegeben war.“
Münster brennt, es raubt, es vergewaltigt und enthauptet. Aus dem Gerechtigkeitssucher wird ein Lügner, Mörder und grausamer Tyrann. Gefangen in den Mauern der Stadt, umzingelt von den fürstlichen Truppen des Landes, verlassen in „der Hölle der Lebenden“, gibt es für die Menschen keine Rettung mehr. Wer von Robert Schneider einen gut komponierten Historienroman oberster Qualitätsklasse erwartet, wird enttäuscht. Der Roman bleibt unvollständig, einerseits in der Wiedergabe der Handlung, oft aufgebauscht und mit wenig fesselnder Konstanz und andererseits in der konturlosen Darstellung des Protagonisten. Die Frage, wie aus dem Heilsucher und Idealisten ein Fanatiker und grausamer Despot wird, beantwortet dieses Buch nicht. Stattdessen flieht der Autor an jener Stelle in das ab-erzählte Schildern der äußern Ereignisse. Jan Beukels ist in jedem Fall keine Figur, die fasziniert, betört und begeistert, wie es Elias Alder in „Schlafes Bruder“ – Robert Schneiders bekanntestem Roman – tut. Es scheint, als gefiele sich der Verfasser darin, die Geschehnisse auszudehnen und zu wiederholen um seiner Sprachkunst Platz zu schaffen. Die allerdings ist gewaltig! Robert Schneider gelingt es, zu ergreifen und mit dem Leser in die düstere Stimmung und abgründige Tiefe dieser Zeit abzutauchen.
Historisch korrekt und zugleich brandaktuell
Herausragend ist auch des Autors historische Korrektheit. Sie wird deutlich in einem selten gewordenen Wortschatz und vielen detailliert beschriebenen Einzelheiten aus dem Alltag des 16. Jahrhunderts, der Zünfte, der Landsknechte, der Kirchen und Klöster. Robert Schneider macht diesen geschichtlichen Stoff konsumierbar und thematisiert mit dem Beispiel christlichen Fundamentalismus ein brandaktuelles Problem.
(Rezensiert am: 2005-02-14)
Robert Schneider: Kristus. Das unerhörte Leben des Jan Beukels, Aufbau Verlag, August 2004, ISBN-13: 9783351030131, 24.90 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |