Ursus Wehrli:
Herrliche Karikatur der modernen Kunst im menschlichen Ordnungswahn – Kunstliebhaber werden jubeln!
Von Felix Struening
Es ist wohl eine der verrücktesten Ideen überhaupt: Dort aufzuräumen, wo es am wenigsten Sinn macht. Ursus Wehrli hat sich 19 – meist abstrakte – Kunstwerke vorgenommen und aufgeräumt. Mit Systematik bringt er Ordnung in die Farbflächen, stapelt sie auf Haufen oder reiht sie in Linien aneinander. Sortiert wird nach Farbe und Größe. Dadurch entsteht eine Art Stabilität und Statik. Während links immer das originale Bild zu sehen ist, kann man auf der rechten Buchseite sehen, wie der Autor die Kunstwerke neu geordnet hat. Durch diese Gegenüberstellung rückt zunächst einmal der Gesamtzusammenhang der Farbflächen in den Vordergrund, da völlig neue Bedeutungen entstehen. Bei genauer Betrachtung schärft sich aber wieder der Blick für das Detail, wenn man sucht, was der Autor nun aus diesem oder jenem Element des Originalbildes gemacht hat. Am wörtlichsten wird der Buchtitel in dem Bild „Das Schlafzimmer in Arles“ von Vincent van Gogh genommen: Alle Gegenstände, die auf dem Boden oder dem Bett standen bzw. an der Wand hingen, sind nun unter dem Bett verstaut. Herrlich ist auch der „Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit“ von Pieter Bruegel: Der im ursprünglichen Bild volle und chaotische Dorfplatz ist im aufgeräumten Werk leer. Dafür findet sich auf der nächsten Seite ein Haufen aus Figuren und Gegenständen. Unordentlich darf kaum einer der großen modernen Künstler bleiben: Von August Macke bis Paul Klee, von Wassily Kandinsky über Henry Matisse bis zu Joan Miró und Keith Haring erwischt es alle. Es ist der Versuch, die ästhetische und moralische Wirkung der Kunst auf die menschliche Psyche zu verbessern, bzw. sie der Zeit anzupassen. Es ist der Spott auf den menschlichen Ordnungssinn, ja Ordnungswahn. Es ist eine neue Art von Kunst oder Kunstadaption, deren Methodik sich der Autor patentieren ließ. Schließlich ist es der wundervolle und humoristische Rundumschlag eines Künstlers (Typograf und Kabarettist, Linkshänder und Querdenker), der wohl nicht zu ernst genommen werden will.
(Rezensiert am: 2003-05-01)
Ursus Wehrli: Kunst aufräumen. , Kein & Aber Verlag, 2002, ISBN-13: 9783036952000, 14.00 €
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