Wolfgang Albrecht:
Ein sehr theoretisches und funktionales Buch über die Literaturkritik – nicht leicht, aber methodisch tiefgehend!
Von Felix Struening
„Literaturkritik ist ein historisch gewachsenes und ein immer wieder neu gegenwartsbezogenes Genre vorwiegend der Publizistik und insofern auch ein Genre der (nicht fiktionalen) Literatur.“
Diese ersten Zeilen, diese Definition ist für Wolfgang Albrecht absolute Vorgabe seiner Analyse der Literaturkritik. Aus verschiedensten Perspektiven und nach allen möglichen Funktionen sortiert, nimmt er sich des kritischen Literaturbewertens an. Der sehr systematische und strukturelle Ansatz macht das Buch zunächst etwas sperrig, ermöglicht jedoch bei geduldiger Lektüre einige tiefe Einblicke.
Die stete Gegenwartsbezogenheit des Untersuchungsgegenstandes nutzt Albrecht, indem er die historische Perspektive hinten anstellt und immer eine Art ‚Jetzt-Zeit-Blick’ benutzt, um die unterschiedlichen Funktionen zu erläutern. Das hat den Nachteil, dass er immer wieder durch die gleichen historischen Zeiträume, vor allem die der getrennten BRD und DDR, hindurch muss und somit auch immer wieder auf die gleichen Mechanismen, Akteure und Normen eingeht. Dadurch verliert der Leser schneller den Überblick, da die Selbstverortung in historischen Betrachtungen, wie etwa bei Thomas Anz und Rainer Baasners Buch über Literaturkritik, leichter fällt. Natürlich liefert auch das Werk von Wolfgang Albrecht einen Überblick über die Geschichte der Literaturkritik. Das passiert aber erst kurz vor dem Ende, ist eher knapp gehalten und gehört zu den weniger interessanten Punkten des vorliegenden Buches.
Außerdem kann der selbst gewählte Ansatz des Autor etwas verwirrend wirken: Wolfgang Albrecht will mehr aufzeigen und anstoßen, wo Untersuchungen zur Literaturkritik fehlen, als diese Themen selbst in einem Überblick abzuhandeln. Der Text wirkt dadurch sehr offen und ist mit Literaturangaben übersät. Er erscheint zumindest anfangs wie ein Webkatalog mit zu vielen Links. Das Literaturverzeichnis ist dann auch entsprechend umfangreich, thematisch sortiert und darf als Aufforderung gelten, weiter zu lesen und zu forschen. Somit wird das Buch seiner Zielsetzung als Einstieg für Studenten durchaus gerecht. Was es bei all seiner Kategorisierung der Normen und Ideen mehr oder weniger bekannter Akteure der Literaturkritik allerdings nicht liefert, sind eigene Vorgaben und Ansätze zum konkreten Schreiben einer Rezension. Wolfgang Albrecht bleibt ein reiner Theoretiker, der das empirische Material durchdringt und systematisiert, aber keine eigene praktische Norm entwickelt.
(Rezensiert am: 2008-03-24)
Wolfgang Albrecht: Literaturkritik. , J.B. Metzler, 2001, ISBN-13: 9783476103383, 12.90 €
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