Annette Pehnt:

Mobbing

Ein packender Roman über den Kampf ums Überleben in Job und Familie – herausragender Spiegel gesellschaftlicher Realität!

Von Claudia Johann

„Nein, ruft sie, du darfst nicht mitspielen, das ist unsere Burg. […] Ich schaue mich kurz um, aber die Mutter des Mädchens ist nicht zu sehen. Ich hocke mich neben die Burg und zische, weißt du was, du bist ein gemeines Stück, bloß keinen mitspielen lassen, großartig, mach nur so weiter […] und klatsche mit aller Kraft auf den halbgefrorenen Sandturm, dass er in alle Richtungen zerspritzt.“ Die Ich-Erzählerin in dem Roman ist verzweifelt, am Ende aller Weisheit, das ist zu spüren, an dieser Stelle und im ganzen Buch – vom ersten Satz bis zur letzten Aussage. Zerrissen zwischen selbstverständlichem Rückhalt und gefährlichen Zweifeln erzählt Joachim Rühlers Frau seine, ja, ihre gemeinsame Geschichte.

Gemobbt – rund eine Million der deutschen Arbeitnehmer

Annette Pehnt zeichnet uns in ihrem neuen Roman die Aufnahme einer Gegenwart, wie sie aus der heutigen Arbeitswelt, ja aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Dies macht sie äußerst klar, unverblümt und lebensecht, den Leser der Zweifel ansteckend, aber auch dem Mitgefühl verpflichtend. Die Autorin schreibt von einem Problem, wie es in Deutschland, laut Untersuchungen momentan rund 2,7% (also rund 1.000.000) der Arbeitnehmer betrifft. Mobbing ist aus dem heutigen Alltag vieler Männer und Frauen nicht mehr wegzudenken. Mit der Lektüre dieses Romans sind wir plötzlich mittendrin. Wir werden mitgenommen in die Gefühlswelt von Joachims Frau, zu ihren Ängsten und Zweifeln, ihrer Verzweiflung und Wut und immer, auch am Ende des Romans, sind wir ratlos, wissen zu wenig. Wissen nicht, was nun eigentlich genau passiert ist, mit der Chefin, mit den Kollegen. Wir bleiben weitestgehend im Dunkeln, denn Jo redet wenig und immer seltener.

Joachim Rühler ist Verwaltungsangestellter, er ist gut in dem, was er macht. In seinem Kollegen Markus findet er einen hervorragenden Partner und Freund. Und auch mit den anderen klappt es. Sie bekommen wichtige Aufgaben zugeschrieben, kümmern sich um Städtepartnerschaften und Kulturaustausch, sie wissen zu kommunizieren – eigentlich. Dann kommt die neue Chefin, Umstrukturierungen liegen an, die die vorher weniger wichtiges machten, nehmen jetzt die Plätze von Jo und Markus ein, ein schon vollendetes Projekt wird noch einmal ganz neu aufgezogen. Die Kollegen verstehen es selbst nicht, aber die neue Chefin hat nun mal entschieden.

Die neue Chefin lächelt nie, zumindest nicht für Jo und sie hat auch keine Zeit, für Jo. Wenn er an ihre Tür klopft, um zu reden, ist es nur A., die die Tür einen Spaltbreit öffnet und ihn wieder fortschickt, trifft er die Chefin auf dem Gang, so soll er einen Termin per Email erfragen. Und trotzdem, man heuchelt Kooperation und Zusammenarbeit, man trifft sich an der zentralen Cappuccinomaschine und beredet privates wie berufliches. Als Markus geht, bleibt Jo allein zurück, mit A. und T. und Kaffee mit aufgeschäumter Milch. Aus Kooperation wird Überlebenskampf. Wen wundert da der denunzierende Brief von A. und T. an die Chefin?

Auch daheim ist sie wichtig, die Cappuccinomaschine, vielleicht muss man schon bald auf sie verzichten, auf sie und das Haus, die Gegend, das Leben. „Gewöhnung kann Glück sein.“ Joachim erhält die Kündigung: „Das war’s, sagte Jo. Ich musterte sein Gesicht und sah trotzige Erleichterung. […] Wenn das Schlimmste passiert, muss man sich endlich nicht mehr davor fürchten, sagte Jo.“ Das Schlimmste heutzutage scheint der Verlust des Arbeitsplatzes zu sein, denn mit ihm verliert man nicht nur ein monatliches Gehalt, sondern auch seinen Lebenssinn, Selbstvertrauen, seine Gewohnheiten und Freunde, seine Würde. Wir bekommen kein Hartz IV, „wir [sind] Hartz IV“.

Anette Pehnt macht in ihrem Roman den bürgerlichen Alltag zum Kriegsschauplatz. Jo kämpft, seine Frau kämpft. Es gab in den letzten Monaten nicht vieles, was bedeutender war als die Schlacht ihres Mannes. Der Leser spürt dies, wenn sie von ihrer Tochter Mona spricht oder von dem Baby, das für den Leser bis zum Ende namenlos bleibt.

Sie traut sich „kaum noch zu lachen, es gibt ja auch nichts zu lachen.“

Es ist Valentinstag, als sie dem Leser den größten Teil ihrer Geschichte erzählt. Von dem Schwindel, der Jo irgendwann heimtückisch überfiel und unberechenbar immer wieder kehrte, von seiner Tatenlosigkeit nach der Kündigung. Davon, dass er fast den ganzen Tag schläft. Mit seiner neuen Situation nicht zu recht kommt. Aber auch Joachims Frau ist mit der Vorstellung eines möglichen Rollentausches überfordert. Als studierte Übersetzerin arbeitete sie vor Geburt der Kinder mit einem Verlag zusammen. Kontakt aufnehmen will sie ständig, aber sie schafft es nicht. So können beide nicht aus dem zurechtgelegten Leben ausbrechen und den neuen Gegebenheiten entsprechend umstrukturieren.

Das Fiktive wird real

Im zweiten Teil des Buches, Sommer, arbeitet Jo wieder. Sie haben vor Gericht gewonnen und die Chefin musste ihn wieder einstellen. Sie hat ihn abgestellt. In einen Container zu anderen alten und ausrangierten Möbeln und Dingen. Dort macht er Arbeit, die am Abend in den Müll geworfen wird, sagt Joachim. So ist man am Ende dieses Romans nicht glücklicher, aber auch nicht trauriger. Die Familie kann in ihrem Haus bleiben und die Kinder können „tanzen, flöten, töpfern, reiten“, was sie wollen eben. Sie fahren dieses Jahr nicht in den Urlaub, dafür fährt ihr Rechtsanwalt, aber sie müssen die lieb gewonnenen Gewohnheiten nicht aufgeben. Das Ende kommt plötzlich und gibt keine wirkliche Lösung. Wo ist die Erzählerin jetzt? Gibt es die Familie noch? Wieder bleibt der Leser im Dunkeln. Er hat nur zwei Sätze: „Trotzdem, sagte er, bin ich froh.“, und sie: „In diesem Moment gab ich auf.“

Anette Pehnt versteht es, den Leser in die fremden Gefühle abtauchen zu lassen. Mit ihrer ehrlichen und einfachen Sprache schafft sie es zu fesseln und zu überzeugen. Sie fängt den Leser im Zweifel und Unsicherheit. Sie macht ihm das Fiktive real. Der Autorin gelingt eine Fallbeschreibung, die letztlich nicht nur eine Familie betrifft, sondern eine Anklage an die gesamte Gesellschaft ist, an ihre Werte und den Umgang miteinander. Unter Kollegen, wie unter Freunden und in der Familie.

(Rezensiert am: 2008-03-14)

Annette Pehnt: Mobbing. , Piper Verlag, 2007, ISBN-13: 9783492050708, 16.90 €


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