Richard Heinberg:

Öl-Ende

The Party’s over. Die Zukunft der industrialisierten Welt ohne Öl

Das Gesetz vom abnehmenden Ertrag – oder vom Entstehen und Vergehen komplexer Zivilisationen aus der Sicht der Ökologie!

Von Felix Struening

Das Erdöl wird bald alle sein. Dieser eigentlich geläufige Fakt hat jedoch wesentlich mehr Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, ja auf unser Leben an sich, als wir uns vorstellen können. Denn im Prinzip beruht die komplette Industrialisierung auf der Verwendung fossiler Brennstoffe, also vorwiegend Kohle, Erdöl und Erdgas. Technologische und wirtschaftliche Entwicklungen waren aufgrund dessen innerhalb des letzten Jahrhunderts so umfassend wie nie zuvor. Damit einher ging ein Wachstum der Weltbevölkerung von knapp zwei Milliarden Menschen Ende des 19. Jahrhunderts auf gute sechs Milliarden zum jetzigen Zeitpunkt. Denn die Entwicklung des Gesundheitssystems sowie massive Produktivitätssteigerungen der Agrarwirtschaft machten das Ökosystem Erde für eine erheblich größere Population tragfähig.

Wenn nun das Erdöl irgendwann in den nächsten Jahrzehnten sich dem Ende neigt, können viele der natürlich gewordenen Prozesse unserer Gesellschaften nicht mehr so funktionieren. Denn „entzieht man einer Gesellschaft ihre Energiequellen, wird ihr ‚Fortschritt‘, also ihre technologische Höherentwicklung und das Wachstum ihrer Institutionen, nach kurzer Zeit aufhören.“ Dies betrifft zum Beispiel den Verkehr, das Gesundheitssystem, die Informationstechnologie, Heizung und Kühlung, Wirtschaft und natürlich Nahrungsmittel und Landwirtschaft. Finden wir keinen passenden Ersatz für die fossilen Brennstoffe, muss auch die Bevölkerungszahl wieder sinken – etwa auf zwei Milliarden weltweit.

Was Richard Heinberg in „Öl-Ende“ zeigt, ist dass das weltweite Fördermaximum des Erdöls, der sogenannte Oil Peak, irgendwann jetzt, gegen Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts erreicht wird. Mit anderen Worten: Danach nimmt die förderbare Menge an Erdöl immer mehr ab. Gleichzeitig verbraucht die Menschheit jährlich mehr davon, was zu Engpässen, Krisen und Kriegen um die verbleibenden Öl-Ressourcen führen wird. Dabei ist es unabhängig, ob dieses Fördermaximum, wie von den Pessimisten berechnet, jetzt gleich oder wie von den Optimisten behauptet, erst in vielen Jahren sein wird. Fest steht, dass das Öl keiner erneuerbare Energie darstellt und deswegen irgendwann alle ist. Und darauf muss unsere Zivilisation sich vorbereiten, wenn sie nicht untergehen will, so die eindringliche Warnung des Autors.

Das Buch lässt sich dabei grob in vier Argumentationsschritte unterteilen. Richard Heinberg erläutert zunächst, wie menschliche Gesellschaften aus Sicht der Ökologie verstanden werden und warum das Gesetz des abnehmenden Ertrags eine so große Rolle spielt. Im zweiten Schritt widmet er sich der Diskussion um die Erdölfrage: Ist das Ende nun nahe oder nicht? Dabei diskutiert er zugleich die Vor- und Nachteile erneuerbarer Energien. Anschließend erörtert der Autor die politischen und gesellschaftlichen Folgen des Öl-Endes um letzten Endes ein Modell, zumindest aber einige Anregungen für eine Gesellschaft zu liefern, die ohne fossile Brennstoffe überleben kann.

Das Gesetz vom abnehmenden Ertrag

Bevor es um die eigentlich brennende Frage des Öls gehen kann, muss man einen gehörigen Packen Geduld mitbringen, dessen Investition sich allerdings mehr als auszahlt. Richard Heinberg verpasst dem Leser zunächst einen Grundkurs in Physik und Chemie, erklärt ökologische Systeme und ihre Interaktion mit dem Schwerpunkt auf Ressourcen und fossilen Brennstoffen. Besonders interessant sind dabei die fünf Strategien des Menschen, mit denen er gelernt hat, Energie zu gewinnen: Aneignung, Werkzeugeinsatz, Spezialisierung, Erweiterung der Wirkung sowie Abbau. Je komplexer diese Prozesse wurden, desto produktiver wurde die Menschheit bzw. die jeweilige Zivilisation. Doch wie die Geschichte zeigt, fiel die Produktivitätskurve einer jeden Hochkultur irgendwann wieder ab. Für den Ökologen Richard Heinberg ist dies die natürliche Folge des Gesetzes vom abnehmenden Ertrag.

Zivilisationen und die Photosynthese haben gemeinsam, dass sie als ökologische Prozesse, genauer noch ökologische Systeme beschrieben werden können. Und für diese gilt immer das Gesetz des abnehmenden Ertrags bei steigender Komplexität. In der Natur lässt sich das recht einfach beobachten: Von 10.000 Einheiten eingestrahlter Sonnenenergie bleiben etwa 1.000 Energieeinheiten für die Pflanzenfresser, die davon wiederum nur 100 Einheiten an Energie an den sie fressenden Fleischfresser weiterleiten. Bei jedem Umwandlungsprozess von Energie gehen also große Teile verloren. Und je komplexer ein ökologisches System ist, desto mehr Umwandlungsprozesse finden statt.

Konkret auf das Öl bzw. fossile Brennstoffe bezogen bedeutet dies, dass in den nächsten Jahren immer mehr Energie aufgewendet werden muss, um die geringer werdenden Vorräte zu fördern und zum Gebrauch umzuwandeln. Aber auch schon vor der fünften Strategie des Energiegewinns – dem Abbau – war das Gesetz des abnehmenden Ertrags bei den menschlichen Gesellschaften deutlich sichtbar. So mussten die Energieressourcen ständig erweitert werden, man denke etwa an den Sklavenhandel (menschliche Arbeitskraft) oder die Kolonialisierung von Anbaugebieten.

Erd-Öl ist billige Energie

Die Verwertung des Erd-Öls in verschiedensten Bereichen – raffiniert als Treibstoff oder Dünger – ermöglichte Quantensprünge der technologischen Entwicklungen. Erdöl erwies sich als ungeheuer ergiebig, das heißt, der Nettogewinn der gewonnenen Energie war im Verhältnis zu den eingesetzten Kosten enorm. Entsprechend verschwenderisch verhielten sich die erdölfördernden Länder und entsprechend reich wurden die Öl-Konzerne innerhalb kürzester Zeit. Doch nicht allzu lange ging alles glatt.

Erste Öl-Krisen

Der Autor schildert die Entwicklungen der Förderung im 20. Jahrhundert und die ökologischen Auswirkungen auf die Ölfelder bzw. die Ressourcen. Die Ölkrisen der 1970er Jahre sind dabei für ihn von nur geringerer Bedeutung, da es sich aus seiner Sicht nur um politische Krisen handelt, also keine ökologisch-echten Gründe für Ölknappheit. Aus politikwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht sind diese Krisen jedoch in mehrfacher Hinsicht relevant: Sie haben einerseits gezeigt, dass die islamischen Länder gegebenenfalls gemeinsame Sache gegen den freien Westen machen. Die in der OPEC zusammen geschlossenen ölfördernden Länder hatten damals den Ölexport massiv gedrosselt, um den Preis pro Barrel zu erhöhen.

Andererseits sind die Krisen der 1970 Jahre ein Vorbote dessen, in welche Abhängigkeit der durchweg undemokratischen Länder des Nahen und Mittleren Ostens wir uns begeben, wenn das Öl dann wirklich knapp wird. Erinnert sei einfach an die Situation, als Russland vor wenigen Jahren der Ukraine einfach das Gas abdrehte, um seine politischen und wirtschaftlichen Forderungen durchzusetzen. Nur sitzen dieses Mal Saudi Arabien mit seiner barbarischen Scharia und der Iran mit seinen Weltherrschaftsgelüsten am Öl- oder Gashahn.

Marion King Hubbert

Als ersten Warner, dass unsere Erdölvorräte irgendwann erschöpft sein werden, portraitiert der Autor den Visionär Marion King Hubbert. Dieser hatte bereits in den 1950er Jahren Zyklen für die weltweite Ölförderung errechnet, die zwar mittlerweile durch präzisere Daten korrigiert werden konnten und mussten, in ihrer Grundaussage aber immer noch zutreffen. Festzustellen war, dass das Fördermaximum eines Ölfeldes erreicht, wenn etwa die Hälfte des förderbaren Öls verbraucht ist. Hubbert legte das weltweite Fördermaximum für das Ende des 20. Jahrhundert fest, womit er wohl ca. zehn bis 20 Jahre zu früh war.

Was die Hubbert’schen Thesen vor allem zeigen, ist dass Anstieg und Abfall der Förderkurve keineswegs gleich sein müssen. Technische Entwicklungen ermöglichten einen immer schnelleren Abbau der Erdölvorräte. Der Anstieg der Förderkurve wird also durch die Technologie und die Unternehmen bestimmt. Der Abfall ist jedoch vorwiegend durch politische Entwicklungen beeinflusst. Einerseits können durch den Gesetzgeber verordnete Sparprogramme und Förderquoten den Verbrauch strecken, andererseits führen Krisen und Kriege zu Embargos, gedrosseltem Ölimport oder gar Ausfällen.

Vom Ende des Öls und den Alternativen

Ausgehend von den Berechnungen Hubberts diskutiert Richard Heinberg die Forschungen neuerer Zeit und setzt sich auch mit den Gegnern der These vom Öl-Ende auseinander, allerdings nur, um ihre Argumente zu zerlegen und ihre Theorien zu zerschmettern.

Auch den Alternativen – vor allem den erneuerbaren Energiequellen – widmet er sich, wobei die nicht-fossilen Stoffe deutlich kürzer abgehandelt werden, als das Fachgebiet des Autors. Sein Fazit: Ja es gibt Alternativen, aber sie brauchen erstens eine sehr lange Zeit, um flächendeckend installiert zu werden und können auch zusammen genommen auf keinen Fall den jetzigen Energieverbrauch der Menschheit decken.

Politische und Gesellschaftliche Folgen

Im dritten Schritt verliert der Autor etwas an Trennschärfe. Dies liegt daran, dass er sich von seinem eigentlichen Fachgebiet – der Ökologie – abwendet um politische und soziale Konsequenzen aus dem drohenden Rohstoffmangel zu ziehen. Dabei nimmt er nicht mehr die Sicht des Ökologen ein, um gesellschaftliche Systeme zu verstehen, sondern versucht die Folgen der Ökologie auf die Gesellschaft aus Sicht der Politik zu formulieren. Dabei werden politikwissenschaftliche Paradigmen etwas zu vereinfacht dargestellt, so beispielsweise die Einteilung in rechte und linke Modelle der Politiktheorie.

Auch setzt sich der Autor an dieser Stelle natürlich dem nahezu unvermeidlichen Vorwurf der Spekulation aus. Dies betrifft sowohl die Suche nach den wahren Ursachen für den 11. September 2001, als auch die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens und dem dortigen Einfluss der USA. Beispielhaft lässt sich dies an seiner Interpretation des letzten Krieges gegen den Irak veranschaulichen:

Bis 2002 war der Irak trotz des Ölembargos einer der wichtigsten Öllieferanten für die Vereinigten Staaten. Doch im Laufe dieses Jahres wandten sich immer mehr US-Unternehmen anderen Ölquellen zu, weil sie einen Krieg befürchteten, was einen Rückgang des irakischen Ölexports von 70 Prozent bedeutete. Gleichzeitig versuchte die irakische Führung Verträge mit anderen Staaten wie Russland und China zu schließen, da sie ein baldiges Ende des Öl-Embargos vermutete. Die mittlerweile angesammelten Reserven bereits geförderten Öls hätten in diesem Fall aber den Markt völlig überschwemmt und den Preis für das Barrel in den Keller getrieben. Der Autor schlussfolgert daraus, dass ein Krieg notwendig war, um im Irak „eine gehorsame und willfährige Vasallenregierung zu installieren, die gewährleistet, dass die Vereinigten Staaten das erste Recht auf irakisches Öl erhalten.“

Eine komplexitätsreduzierte Gesellschaft

Mit seinem vierten Argumentationsschritt versucht Richard Heinberg schließlich, ein Modell für eine komplexitätsreduzierte Gesellschaft zu entwerfen, die das Öl-Ende überleben kann. Denn seiner Meinung nach kommt der Zusammenbruch unseres Industriezeitalters in jedem Fall, wir könnten lediglich seine Ausmaße steuern, in dem wir sofort beginnen, unseren Verbrauch zu drosseln und unsere Abhängigkeit vom Öl aufzuweichen. Dabei geht es nicht darum, eine bessere Technik zur Nutzung der Ressourcen zu finden, sondern einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit Energie.

Selbst den Traum von sogenannter Freier Energie, die wir einfach dem Raum entnehmen könnten, zerlegt Richard Heinberg. Denn das Öl war eine praktisch freie Energie, es entsprach anfangs der etwa sechshundertfachen Arbeitskraft eines zum Mindestlohn angestellten Arbeiters in den USA. Der Autor zieht hier die Analogie zu einem Lottogewinner: Hat er all seinen Gewinn verprasst, hilft es ihm nicht, vom letzten Rest erneut Lotto zu spielen. Stattdessen sollte er seinen Fuhrpark verkaufen und wieder arbeiten gehen.

In diesem letzten Kapitel findet sich ein plötzlicher Bruch, der doch sehr merkwürdig anmutet. Der Autor entfernt sich von seiner ökologisch-gesellschaftlichen Ebene und gibt dem Leser direkt Ratschläge, wie er seinen Energieverbrauch drosseln kann – von Isolierglasfenstern über Energiesparlampen bis zum Tipp, sein Auto doch einfach mal stehen zu lassen. Dieser Teil wirkt fehl am Platz und hätte eher in eine eigene Publikation gepasst.

Wiederauflage und Übersetzung

„Öl-Ende“ erschien in seiner ersten Auflage bereits 2003 und galt damals – je nach Sichtweise – als visionär oder völlig verrückt. Mittlerweile haben sich aber viele Behauptungen des Autors als wahr erwiesen oder werden von anderen Theoretikern geteilt. Die Neuauflage des Buches ist aktualisiert und um die Ereignisse und Erkenntnisse der letzten Jahre erweitert.

Dabei ist die (Re-)Lektüre von „Öl-Ende“ gerade auch deshalb so spannend, weil das von Richard Heinberg vorausgesagte Öl-Fördermaximum irgendwann jetzt erreicht ist. Außerdem hat der Autor bereits damals den Zusammenbruch der Finanzwelt vorausgesagt. Ironischer Weise lässt sich durch die Lektüre ein Vorteil an der Finanzkrise erkennen: Die Verlangsamung der weltweiten Produktion drosselt auch den Erdölverbrauch.

Die deutsche Übersetzung des Buches ist hervorragend, vor allem auch, weil Fakten und Daten sich (fast) immer auch auf Deutschland beziehen bzw. um deutsche Werte erweitert sind. Teilweise haben Experten der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH sogar eigene Analysen und Einschätzungen beigetragen.

Egal, wie man also die Theorie vom baldigen Ende des Öls sehen mag und egal, ob es nun noch zehn Jahre dauert, bis der Oil Peak erreicht ist. Eines ist klar: Irgendwann ist das Öl zu Ende. Und bis dahin müssen wir etwas geändert haben. Also am besten jetzt, sofort. Richard Heinberg ist einer, der gründlich argumentiert und eindringlich warnt, ohne dabei marktschreierisch zu sein. Die Lektüre von „Öl-Ende“ kann also nur empfohlen werden, da es vom Grundwissen bis zu möglichen politischen Auswirkungen alles umfasst.

(Rezensiert am: 2009-05-06)

Richard Heinberg: Öl-Ende. The Party’s over. Die Zukunft der industrialisierten Welt ohne Öl, Riemann, 2008, ISBN-13: 9783570501047, 21.00 €


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