Bill Blunden:
Wer seine Vorurteile zum Thema Offshoring bestätigt sehen und lesen will, was er sowieso schon glaubt, der wird dies Buch mögen!
Von Tobias Lütticke
Plädoyer gegen Offshoring
„Offshoring IT“ beschäftigt sich mit den Themen Offshoring und Outsourcing, die in allen Industrienationen immer wieder in die Schlagzeilen kommen. Es beschränkt sich bei dieser Betrachtung auf den Zweig der Informationstechnologie mit dem Schwerpunkt Software-Entwicklung in den USA. Klappentext und Einleitung machen schnell deutlich, dass der Leser es keineswegs mit einer neutralen Betrachtung des Themas zu tun hat. Neutral will Bill Blunden aber auch nicht sein, vielmehr trägt sein Buch Züge von Enthüllungsjournalismus. Das von Firmen propagierte Offshoring soll als Augenwischerei und Gefahr für den lokalen Arbeitsmarkt entlarvt werden. „Offshoring IT“ ist ein Plädoyer gegen Offshoring und soll dem Leser über die eigentlichen Hintergründe die Augen öffnen und für die zu erwartenden Gefahren sensibilisieren.
Vorteile, Nachteile und Hintergründe mit Schwerpunkt auf der Kritik
Auf insgesamt 140 Seiten verteilte 5 Kapitel setzen sich mit den einzelnen Aspekten des Themas auseinander. Das Buch startet mir einer Einleitung, die einige Hintergründe vermittelt und den Rahmen für das Thema bilden soll. Das zweite Kapitel widmet sich dann der Datenbasis, auf deren Grundlage Analysen und Erkenntnisse basieren. Es nennt prominente Firmen, die Offshoring betreiben und gibt dazu Größenordnungen bekannt. Zusätzlich identifiziert es einige Profiteure, also diejenigen Firmen, die im Ausland die verlagerten Aufgaben übernehmen. Bevor sich zwei Kapitel mit Argumenten für und gegen Offshoring beschäftigen, schildert Kapitel drei die Schritte vom Entschluß bis hin zum praktizierten Offshoring in einer Firma und welche Aspekte dabei zu berücksichtigen sind. Bei dieser Struktur fällt außerdem auf, dass das Schlusskapitel mit den Argumenten gegen Offshoring allein vom Umfang her den größten Stellenwert im Buch genießt.
Informationen nur über die Vereinigten Staaten von Amerika
Alle Betrachtungen illustriert Bill Blunden mit tabellarischen Vergleichen und Statistiken. Alle Zahlen sind allerdings auf die Vereinigten Staaten bezogen. Besonderheiten des US-Gesetzgebung und des US-Marktes wie etwa Visa-Regelungen, Arbeitserlaubnisse und Ausbildungsgänge ziehen sich durch das gesamte Buch. Insofern lassen sich die Erkenntnisse nur bedingt auf andere Länder übertragen. Viele Sachverhalte sind durch Quellenangaben belegt. Der Argumentationskette lässt sich leicht folgen, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilt. Was im ersten Moment plausibel klingt, sollte aber vom Leser durchaus hinterfragt werden. Keineswegs immer bleibt dann der Zusammenhang so klar, wie er zunächst scheint.
Interessante Informationen, zum Teil aber willkürlich verknüpft
Bill Blunden überrascht mit einigen interessanten Informationen. Dem unbedarften bzw. uninformierten Leser ist nicht bewusst, in welchem Ausmaß Offshoring bereits betrieben wird. Hier hat Blunden sicher recht, wenn er die Verschwiegenheit und Zurückhaltung der Firmen zu diesem Thema beschreibt. Aus einigen seiner Daten zieht er allerdings willkürlich anmutende Schlüsse. Mit seiner Präsentation der steigenden Zahl ausländischer Studierender schürt Blunden diffuse Ängste. Insbesondere, da er im selben Atemzug den massenhaften Visa-Mißbrauch anprangert. Die Behauptung, die USA würden hier in großem Stil Ausländer ausbilden, an die dann nach ihrer Rückkehr ins Ausland die amerikanischen Jobs abgegeben werden, bleibt unbelegt. Wo kein expliziter Zusammenhang hergestellt wird, lässt Blunden diesen durch die Reihenfolge der Informationen entstehen. Er überlässt so die Schlussfolgerung zwar oft dem Leser, dirigiert ihn aber so, dass nur ein möglicher Schluss übrigbleibt. Unsachlich wird die Auseinandersetzung gar, wenn der Autor internationale Konzerne betrachtet. Firmen wie IBM, HP oder Microsoft sind längst nicht mehr rein amerikanische Firmen. Wer weltweit tätig ist, benötigt auch weltweite Dependance. Dass dies mehr als reine Vertriebsniederlassungen sein müssen, ist klar. Auf den Ressourcenpool gut ausgebildeter Fachkräfte in einem Land zu verzichten, indem man sowieso als Firma präsent ist, wäre mehr als dumm.
Voreingenommene, aber offene Darstellung
Blunden ist mit seiner Darstellung weit entfernt von einer sachlichen Auseinandersetzung. Trotz allem ist ihm zugute zu halten, dass er nicht versucht, seine Meinung als Fakten zu verkaufen. Er macht von Anfang an klar, auf welcher Seite er steht. Schade ist, dass er von vornherein ausschließt, dass Offshoring auch Vorteile haben kann. Vorherrschend ist eine Schwarz-Weiß-Sicht mit den ausbeutenden, nur auf Profit bedachten Konzernen und dem Kapital auf der einen Seite und dem armen amerikanischen Bürger auf der anderen. Auch mit seinen Begrifflichkeiten rutscht Blunden teilweise ins Klassenkampf-Vokabular ab.
Einseitige Sichtweise und realitätsferne Schlussfolgerungen
Seine Hinweise für Software-Entwickler sind blanker Aktionismus. Er malt ein Schreckgespenst an die Wand und prognostiziert, dass der Beruf des Software-Entwicklers keine Zukunft mehr hat. Er empfiehlt allen Entwicklern, sich den Themenfeldern requirement analysis und contract management zuzuwenden und sich umschulen zu lassen. Dies sind seiner Meinung nach Bereiche, die nicht der Gefahr der Verlagerung ins Ausland unterliegen. Solche Aufrufe sind ein Spiel mit dem Feuer. Längst nicht jeder wird in diesen von der Software-Entwicklung völlig verschiedenen Bereichen glücklich werden. Außerdem ist der Bedarf in diesen Bereichen deutlich geringerer. Die erforderlichen Fähigkeiten und Qualifikationen natürlich auch. Ganz so einfach ist der Wechsel also nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass solche Ratschläge mehr als anmaßend sind. Wer ist Bill Blunden, dass er die zukünftige Entwicklung des amerikanischen Software-Arbeitsmarktes so vorhersehen können will?
(Rezensiert am: 2005-08-02)
Bill Blunden: Offshoring IT. The Good, the Bad, and the Ugly, Apress, 2004, ISBN-13: 9781590593967, 17.50 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |