Frank Schirrmacher:

Payback

Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen

Generation Unsicherheit – wenn traditionelle Werte auf die Wissensgesellschaft stoßen!

Von Felix Struening

Wir befinden uns an einem Punkt in der Geschichte, an dem es nicht klar ist, wie es weitergeht mit der Wissensgesellschaft. Während die Blasen der Finanzwirtschaft platzen und die Realwirtschaft nur durch staatliche Interventionen vor Ähnlichem bewahrt werden kann, herrscht immer mehr Unsicherheit darüber, ob dies auch schon der Höhepunkt unserer Wissensentwicklung ist. Und Höhepunkte läuten bekanntlich immer das Ende eines Zeitalters ein. Gläserner Bürger und Gesichtserkennung fürs Handy sind die Schlagworte technischer und sozialer Bedrohung, das permanente Online-Sein mobiler Endgeräte rückt den Orwell’schen Überwachungsstaat in greifbare Nähe.

Es könnte aber auch noch ein Zeitalter des freien Wissens werden, eines der demokratischen Teilhabe aller an Öffentlichkeit und Politik. Vor allem amerikanische Autoren wie Jeff Jarvis („Was würde Google tun?“) oder Chris Anderson („Kostenlos“) prophezeien nicht nur eine „Generation Google“ sondern völlig neue Wissensaneignung, Gesellschaften und Wirtschaftssysteme. Frank Schirrmachers neues Buch „Payback“ ist nun eine Art pessimistisches Gegenstück zu diesen Optimisten, der Autor gehört aber keineswegs zu den rückwärtsgewandten Technik-Apologeten. Stattdessen schlägt er einen Mittelweg zum Umgang mit der Informationstechnik vor, der von der Einsicht geprägt ist, dass Computer und Co. unser Verhalten unwiderruflich verändert haben, der aber auch nicht blind alle Macht an die Maschinen übergibt.

„Noch schwerer wird es, sich einzugestehen, dass man allein in der letzten Stunde Dinge nur deshalb gemacht hat, weil der Computer sie empfohlen hat.“

Der von Schirrmacher festgestellte Gesellschaftszustand ist geprägt von abnehmender Lesefähigkeit und mangelhaftem Gedächtnis. Multitasking – so eine neuere von zahlreichen zitierten Studien – verschlechtere unsere Konzentrationsfähigkeit, ja verlangsame sogar auf Zeit das Multitasking selbst. Vor allem aber könnten wir nicht mehr entscheiden, was wirklich wichtig ist. Algorithmen, mit denen Webseiten wie Amazon oder Google uns vorschlagen, was wir auch noch interessant finden müssten, ließen uns verlernen, selbst Prioritäten zu setzen. „Wir sind also in der Zwickmühle: Wir brauchen die Software, die uns analysiert, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Aber indem sie uns analysiert, reduziert sie immer mehr unser Gefühl dafür, dass wir wählen können und einen freien Willen haben.“

Nun dürfte es durchaus so sein, dass es immer schwieriger wird, den Kaufstimuli der Algorithmen zu widerstehen, wenn diese immer besser werden. Und in Anbetracht der keineswegs altruistischen Motivation einer solchen Kaufempfehlung durch den Verkäufer selbst, ist Schirrmachers Warnung durchaus angebracht. Es geht aber zu weit, deswegen den freien Willen an sich infrage zu stellen. Nur weil Amazon weiß, was andere Leser des Buches auf meinem Schreibtisch noch gelesen haben und mich das sogar auch interessiert, ist dies nicht die Vorwegnahme meiner Entscheidung. Der PC bzw. das Internet verfügt einfach nur über ein erheblich umfangreicheres Wissen als wir Menschen. Doch nur weil sich mein Handy die Telefonnummer von Tante Frida besser merken kann, als ich, ist mein Wille trotzdem noch frei: Ob und wann ich sie anrufe entscheide ich ebenso wie ob ich Amazons Lektüreempfehlung folge oder eben nicht. Auch die von Schirrmacher angeführten neurobiologischen Studien zur Willensfreiheit sind nichts Neues sondern stammen aus den 1970er Jahren und wurden vielfach philosophisch kritisiert. Einen abschließenden Beweis für die Determination unserer Handlungen bieten sie keinesfalls. Hier liefert der Autor viel zu vereinfachende Wahrheiten.

Richtige Ausgangslage, mäßige Analyse und Ausweg ohne Ziel

Gänzlich enttäuschend wird das Buch leider bei dem angedeuteten Lösungsweg: Es ginge ganz allgemein darum, mehr Unsicherheit zuzulassen, damit wir mehr über alternative Lösungsansätze nachdenken. Unsicherheit heißt dabei nach Schirrmacher, nicht immer genau vorzugeben, was zu tun ist und stattdessen die Lösung als eine mögliche Option unter mehreren darzustellen. So würde das eigene Einschätzungsvermögen gesteigert und der nötige Abstand zu vom System vorgeschlagenen Wegen erreicht.

Grundsätzlich ist diese Erkenntnis sicherlich ein guter Ansatz, doch leider liefert der Autor keine systematische – geschweige denn bahnbrechend neue – Methode, um dies im täglichen Umgang mit Wissen anzuwenden. So fügt sich „Payback“ leider nahtlos in die Reihe der Bücher des FAZ-Herausgebers ein: „Das Methusalem Komplott“ versuchte bereits bekannte Thesen der Überalterung der Gesellschaft reißerisch darzubieten und „Minimum“ war zwar eine kluge Sozialanalyse, kam jedoch so moralisch daher, dass die Lektüre eher abschreckte, denn zum Kinderkriegen motivierte. Alle Werke folgen dabei dem Muster eines richtig erkannten Gesellschaftszustandes, einer mäßigen Beweisführung und einer unglaubwürdigen oder ziellosen Lösungswegs-Konstruktion.

Auch erzähltechnisch bleibt Schirrmachers Buch fragmentarisch und zerfasert. Es fällt schwer, einen wirklichen roten Faden zu finden. Den Leser beschleicht das Gefühl, Schirrmachers ausführliche Beschäftigung mit der Zerstreuung durch Multitasking hat ihn selbst allzu sehr erwischt. Oder aber das Buch drückt einfach die Unsicherheit einer Generation aus, die sich an traditionelle Werte halten möchte und zugleich im beruflichen Umfeld mit modernster Technik zu tun hat. Warum Schirrmachers aktuelles Werk sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde bleibt unklar – dies sagt höchstens etwas über die Gemeinsamkeit von Jury und Autor aus. Letztlich bleibt „Payback“ ebenso wenig wegweisend wie es „Minimum“ war. Schirrmachers Stärke liegt eher in der Beobachtung gesellschaftlicher Prozesse, denn in der Konstruktion neuer Modelle und Lösungsvorschläge.

(Rezensiert am: 2010-03-14)

Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, Karl Blessing Verlag, 2009, ISBN-13: 9783896673367, 17.95 €


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