John Gray:

Politik der Apokalypse

Wie die Religion die Welt in die Krise stürzt

Die politische Utopie und ihre gewalttätige Durchsetzung – beeindruckendes ideengeschichtliches Szenario, das nicht immer überzeugt!

Von Klaus-Jürgen Bremm

Trotz ihres Verkauf fördernden deutschen Untertitels enthält die beeindruckende Studie des Londoner Ideenhistorikers John Gray keine Religionskritik, sieht man einmal von einigen Invektiven gegen das Christentum ab. Tatsächlich befasst sich der Autor mit der spannenden Frage, was in ihrem ideologischen Kern die Wiedertäufer der Reformation mit dem jakobinischen Terror und den aktuellen Kriegen der westlichen Staatengemeinschaft unter Führung eines neokonservativen Amerikas gemein haben.

Europäische Sichtweise

Nach Ansicht des früheren Beraters der Thatcher-Regierung unterlagen diese wie viele andere Ereignisse der modernen Geschichte einem typischen teleologischen Denkmuster, das erst mit dem frühen Christentum entstanden sein soll und durch die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts säkularisiert und zur politischen Utopie transformiert wurde: Die Geschichte hat ein Ziel und das Leben der Menschen ist Teil eines bedeutsamen Dramas. Einzig der Westen habe, so Gray, die apokalyptische Vorstellung entwickelt, dass sich die Geschichte an ihrem Ende selbst enthüllt – denn das genau meint der griechische Wortstamm – und die gesamte Menschheit zugleich in einen harmonischen Zustand überführt, in dem Leiden und Schmerz für immer aufgehoben sein werden.

Problematisch an dieser betörenden Utopie ist jedoch die Bereitschaft ihrer Protagonisten, zu ihrer Realisierung Gewalt in einem Umfang einzusetzen, wo sie bislang in der Geschichte angeblich noch nicht aufgetreten ist. Erst die Jakobiner, so behauptet Gray, seien während der französischen Revolution auf die verhängnisvolle Idee verfallen, man könne mit Hilfe des Terrors einen besseren Menschen schaffen und damit eine neue Welt hervorbringen.

Die Aufklärung als Übel der Welt?

Es gehöre geradezu zum Wesen des revolutionären Utopismus, sich inhumaner Methoden zu bedienen, um seine wirklichkeitsfernen Ziele zu bedienen. Wenn man nun, wie es der Brite offenbar tut, nur genügend abstrahiert, lässt sich die europäische Aufklärung mit ihren Ideen von einer humaneren Welt als unmittelbare Nachfolgerin des Christentums begreifen, die er erstaunlicherweise für die meisten Übel der Moderne bis in die Gegenwart verantwortlich macht. Marxismus, Bolschewismus und selbst der Nationalsozialismus sind nach Gray direkt aus der Aufklärung hervorgegangen. Mit einiger Plausibilität weist der Autor nach, dass sich hinter der stolzen Fassade einer die Welt beglückenden Vernünftigkeit auch Rassismus, Ausgrenzung und Unterdrückung artikulierten.

Doch der nach Grays Ansicht so verhängnisvolle Utopismus war mit dem überraschenden und beinahe gewaltlosen Untergang der Sowjetunion keineswegs auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, sondern hatte in der Idee eines die Welt umspannenden liberalen Kapitalismus in den Köpfen amerikanischer Neokonservativer eine verblüffende Wiedergeburt erlebt. Tatsächlich hat sich mit dem Mäandern des Utopismus von der progressiven Linken zur politischen Rechten eine einmalige Volte in der Ideengeschichte vollzogen. Gray vertritt in diesem Zusammenhang sogar die Ansicht, dass selbst der politische Islam mit seiner retrospektiven Idealisierung eines mythischen Kalifats eine bizarre Ausgeburt modernen westlichen Denkens sei. So vergleicht er die Untaten der Taliban in Afghanistan mit dem genozidalen Treiben der französischen Jakobiner in der Vendée oder der russischen Bolschewisten, die sich in gleicher Weise mit dem Beharrungsvermögen traditionell geprägter Gesellschaften zur Erreichung ihrer utopischen Ziele auseinandersetzen mussten.

Die Genese des neokonservativen Denkens

Der scheinbare Wechsel des utopischen Denkens auf die entgegen gesetzte Seite des klassischen Spektrums der Politik beschäftigt Gray dann auch im Hauptteil seines Buches. Viel Raum widmet er der Genese des neokonservativen Denkens in den Vereinigten Staaten, das bis in die 1970iger Jahre zurückreicht, wobei er den Labour-Politiker und langjährigen britischen Premierminister Tony Blair als einen europäischen Ableger dieser Richtung einbezieht. Das prägende Merkmal aller Neokonservativen im betonten Gegensatz zum klassischen Konservativismus sieht Gray in dessen Ansatz, dass nicht mehr die bestehende Realität das politische Handeln bestimmt, sondern eine zukünftige, noch zu schaffende Wirklichkeit. Allein vor diesem Hintergrund wird der befremdende Versuch der Bush-Administration halbwegs nachvollziehbar, im Nahen Osten liberale Demokratien nach westlichem Muster zu implementieren.

Das paradigmatische Diktum dieser utopistischen Politik sieht Gray dann auch in der Ankündigung des US-Präsidenten, dass der Krieg gegen den Terror wohl 50 Jahre oder sogar noch länger dauern könnte. Gerade in dieser in der Geschichte der politischen Propaganda gewiss einmaligen Ankündigung glaubt Gray den klassischen apokalyptischen Ansatz eines langen und endzeitlichen Kampfes zwischen Gut und Böse wieder zu erkennen, an dessen siegreichen Ende ein neues millenarisches Zeitalter der Menschheitsbeglückung aufleuchten wird. Tatsächlich dauert der von Präsident G.W. Bush ausgerufene Krieg gegen den Terror nun schon länger als der Zweite Weltkrieg und schon fast so lange wie die direkte Intervention der Vereinigten Staaten in Vietnam. Er wird auch wohl noch eine zweite mögliche Amtszeit des neuen Präsidenten Barack Obama voll und ganz in Anspruch nehmen, auch wenn die dramatischen Nachrichten aus dem Irak inzwischen seltener geworden sind.

Alles nur politische Utopie?

Grays Studie hat den unbestreitbaren Vorzug, auf einer breit angelegten ideengeschichtlichen Analyse zu beruhen. In ihren Schlussfolgerungen und Querverbindungen wirkt sie allerdings häufig übertrieben. Über die wahren Gründe des Irakkrieges darf immer noch spekuliert werden und das vermeintliche Ziel, einen demokratischen Irak zu schaffen, wirkte nach der ergebnislosen Suche nach Massenvernichtungswaffen doch reichlich nachgeschoben. Auch darf man nicht übersehen, dass Westeuropa trotz aller ideologisch schwarzen Schafe, welche die Aufklärung fraglos hervorgebracht hat, gerade doch durch sie in den letzten zwei Jahrhunderten einen unbestreitbaren Wandel zur mehr Freiheit und Gleichheit erlebt hat. Wenn dies alles nur ein Zufall war, wäre zu fragen, weshalb er denn nicht schon früher eingetreten ist, als die europäischen Höfe noch egoistische Realpolitik betrieben haben.

Gray übersieht in seiner Tirade auf die politische Utopie, dass die von ihm angemahnte Realpolitik im Stile eines Machiavelli doch eher nur zu Stillstand, Reaktion und persönlicher Bereicherung der etablierten Kreise geführt hat. Gewiss haben die Zwangskollektivierung Stalins und dessen Industriepolitik wohl mehr als 20 Mio. Menschen das Leben gekostet. Aber als Stalin seine politische Karriere begann, beackerten die tiefgläubigen Bauern Russlands ihren Boden noch mit dem Holzpflug, als er starb, besaß die Sowjetunion bereits die Atombombe. Auch die unbestreitbar überfällige Sklavenbefreiung der Afroamerikaner war ein utopisches Projekt – selbst wenn Gray dies nicht so sieht – denn ihre Realisierung stürzten die Vereinigten Staaten in einen vierjährigen Bürgerkrieg mit mehr als 600.000 Toten allein unter den Soldaten. Wenn das kein angemessener Preis für eine Utopie war.

Lässt sich überhaupt eine erfolgreiche und kreative Politik ohne utopische Ziele betreiben? Eine überzeugende Grenzziehung zwischen Utopie und Realpolitik gelingt Gray indes nicht. So bleibt als Bilanz ein eindrucksvolles ideengeschichtliches Szenario, das aber in machen Schlussfolgerungen nicht völlig überzeugt.

(Rezensiert am: 2010-07-22)

John Gray: Politik der Apokalypse. Wie die Religion die Welt in die Krise stürzt, Klett-Cotta, 2009, ISBN-13: 9783608941142, 22.90 €


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