Richard Morgan:
Ein ausgefallenes Zukunftsbild, das unter falschen Erwartungen leidet!
Von Felix Hassert
Chris Faulkner ist ein junger, aufstrebender Manager. Im London des 21. Jahrhunderts tritt er seine Karriere bei Shorn Associates an, einer international aufgestellten Investmentgesellschaft. Doch ist es keineswegs sein guter Abschluss oder der Einfluss seiner Eltern, dem er seinen Senkrechtstart zu verdanken hat. Es ist seine Abschussquote beim Autorennen.
Autorennen als Kampf der Gladiatoren
In der polarisierten Welt der Zukunft, wo es nur noch ganz Arme und ganz Reiche gibt, regeln die Top-Manager der richtig großen Firmen ihren Konkurrenzkampf nämlich auf sehr ausgefallene Weise. Sie setzen sich in große Autos und jagen sich so lange über abgesperrte Autobahnen, bis nur noch einer übrig bleibt. Der Protagonist Faulkner hat nicht nur das Glück, ein besonders guter Autobahn-Gladiator zu sein, sondern hat auch noch eine KfZ-Mechanikerin zur Frau, die ihm seinen Schlitten regelmäßig aufmotzt.
Manager unter sich
Doch reicht das, um zu überleben? Das Klischee des Top-Managers, das schon vor Jahren abgedroschen war, kommt hier in Verbindung mit brutalen Autorennen zu einem fragwürdigen Revival. Seine Kollegen sind machthungrig, skrupellos und erfolgreich. Sie bauen eine Welt, in der Profit regiert und der Schwächere stirbt. Wer nach vorn will, muss über Leichen gehen; seien es die Söldner im Einflussgebiet von Shorn Associates oder die eigenen Kollegen. Aber was ist mit Chris Faulkner? Ist er der Typ dafür?
Globalisierung? Eher nicht!
Wer den Klappentexten und Lobgesängen Glauben schenkt und erwartet, der "definitive Globalisierungsthriller" läge ihm vor, wird enttäuscht. Das Thema Globalisierung verkommt hinter dem Schauspiel einer Ehe- und Gewissenskrise zu einer austauschbaren Leinwand. Die schockierten Mienen bei der Offenbarung käuflicher Armeen, geschmierter Staatschefs und aus Profitgier angezettelter Regionalkonflikte werden ausbleiben. Zwar attestiert "The Guardian", dass man "aktueller und brisanter [..] eigentlich nicht schreiben" könne, doch wer Zeitung liest wird schnell merken, dass die Realität diese Fiktion längst überholt hat.
Charakterliche Explosionszeichnung
Was bleibt ist die Geschichte eines Mannes, dessen Gewissen seiner Karriere ein Bein stellt. Chris Faulkners Inneres wird dabei in einer charakterlichen Explosionszeichnung samt seiner Vergangenheit soweit ausgebreitet, dass der Leser jeden Gewissenskonflikt der Hauptperson gut nachempfinden kann. Immer enger zieht sich die Schlinge aus drohenden Gefahren und süßen Verlockungen. Immer schneller werden Entscheidungen verlangt. Doch nicht jede Situation lässt sich mit Eleganz lösen.
(Rezensiert am: 2006-03-05)
Richard Morgan: Profit. , Heyne Verlag (Random House), 2005, ISBN-13: 9783453400511, 13.00 €
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