Alex Capus:

Reisen im Licht der Sterne

Eine Vermutung

Ein biographischer Abenteuerroman – auf den Spuren von Schatzinsel-Autor Robert Louis Stevenson!

Von Claudio Bini

Im Jahr 1889 kaufte sich Robert Louis Stevenson ein Stück Land auf der Südseeinsel Samoa. Was hat den Schriftsteller dazu bewogen, sich auf dem kleinen Eiland niederzulassen? Was suchte der tuberkulosekranke Schotte dort? Warum wollte er gerade hier den Rest seines Lebens verbringen? Obwohl das Klima schädlich für seine Lunge war und so gar nicht nach seinem Geschmack? Dieses Geheimnis zu lüften, hat sich Alex Capus zur Aufgabe gemacht. Und soviel sei verraten: Wer hinter all den Fragen einen sagenhaften Schatz wittert, der liegt goldrichtig. „Reisen im Licht der Sterne“ ist eine Schatzsuche, die uns in eine tropische Abenteuerwelt mit Piraten, Palmen und paradiesischen Kulissen entführt.

Ein neues Genre?

Dabei beginnt das Rätsel bereits bei der formalen Einordnung des Buches. Obwohl Capus sein Werk auf der Basis biographischer Fakten errichtet, handelt es sich nicht um eine Biographie. Was ist es dann? Ein biographischer Abenteuerroman? Eine wissenschaftliche Abhandlung? Autor Capus stellt im Untertitel absichtsvoll den Begriff der Vermutung in den Raum, als wolle er uns damit im Ungewissen lassen. So dürfen wir das Genre nur vermuten. Doch ob nun Roman oder Biographie, eines steht fest: anders als der Titel suggeriert, „Reisen im Licht der Sterne“ ist keine romantische Robinsonade. Capus Kenntnisse über Schifffahrt und Kolonialgeschichte bilden ein historisches Fundament, das uns nicht stranden lässt.

Die Familie Stevenson

Von Anfang an nimmt uns der ehemalige Geschichts- und Philosophiestudent an die Hand und rollt die abenteuerliche Geschichte der Stevensons auf. Einer Familie voller Exzentriker und Einzelgänger, die bald alle auf jener öden Südseeinsel festsitzen und Louis beim Blutspucken zusehen. Der kränkliche Autor hat mit seinem Jugendbuchklassiker „Die Schatzinsel“ überraschend Weltruhm erlangt, schart die Familiebande um sich, und sichert das bescheidene Auskommen mit Reisereportagen. Das Zerwürfnis mit den wohlhabenden Eltern lässt schnell den Geldstrom versiegen. Umso eindringlicher drängt sich die Frage auf, wie er sich das herrschaftliche Anwesen auf Samoa leisten konnte, auf dem die Luxusgüter nie zur Neige gingen...

Eine meisterhafte Gratwanderung

Capus Spurensuche stützt sich auf Indizien statt auf Goldgeklimper und Wortgeklingel. Sprachlich schlicht und in freundschaftlicher Manier nähert er sich seinen Figuren, nennt sie vertraulich beim Vornamen und schildert augenzwinkernd ihre Neurosen. Amüsant meistert der Schweizer die Gratwanderung zwischen Anekdote und Lächerlichem. Dank seiner akribischen Recherche bringt er neue Details aus Stevensons Vita zu Tage und verwebt diese mit der Sage um den verschollenen Kirchenschatz von Lima. Auch wenn Capus dabei auf Zitate und Briefe zurückgreift, ist er auf unsere Phantasie angewiesen. Wer sein Buch mit einer Stevenson-Monographie auf den Knien liest, bringt sich um ein Leseerlebnis! „Reisen im Licht der Sterne“ ist dann am schönsten, wenn Alex Capus ins Erzählen gerät und seinen Figuren das Ruder entreißt, um selbst das Genre des Abenteuerromans zu entern.

(Rezensiert am: 2006-03-07)

Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne. Eine Vermutung, Albrecht Knaus Verlag, 2005, ISBN-13: 9783813502510, 18.00 €


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