Ishmael Beah:
Vom Kindersoldaten zurück ins freie Leben – eine zwar authentische Kriegsbiografie, aber mit zu wenig Tiefgang!
Von Felix Struening
Jugendliche Schwarze posieren mit Kalaschnikows und Granatwerfern, sie erschießen wehrlose Menschen, vergewaltigen und schlitzen ihren Opfern die Kehle auf. Bilder, die wir aus Zeitung und Fernsehen nur zu gut kennen: Afrika als ein Ort des dauernden Krieges und Leids. Ishmael Beah war einer jener Kindersoldaten, der mordete, brandschatzte und Drogen nahm. Aber durch die Hilfe von UNICEF konnte er all dies hinter sich lassen und seine grausamen Erinnerungen in einem Buch festhalten.
„Ich nutzte die einzige Freiheit, die ich in diesem Moment besaß, und machte mir meine eigenen Gedanken. Die konnten sie nicht lesen.“
Als Ishmael Beah zwölf Jahre alt ist, wird sein Dorf in Sierra Leone von Rebellentruppen überfallen und verwüstet. Glücklicherweise abwesend überlebt er und kann fliehen. Zusammen mit einigen anderen Jungen seines Alters entkommt er immer wieder den nachrückenden Rebellentruppen, nur um schließlich vom staatlichen Militär zum Kindersoldaten gemacht zu werden. Nach Jahren des Tötens wird er plötzlich in ein Resozialisierungsheim des Kinderwerkes der Vereinten Nationen gesteckt. Von dort beginnt sein mühseliger und langsamer Weg in eine friedvolle Freiheit.
„Heute lebe ich in drei Welten: meinen Träumen, meinem neuen Leben mit seinen Erfahrungen und meinen Erinnerungen aus der Vergangenheit, die diese wachrufen.“
So kann man in wenigen Worten den Plot des Buches zusammenfassen, der einem Thriller nicht ähnlicher sein könnte. Ständig scheint Ishmael Beah seinem Ziel nahe zu sein, doch in letzter Sekunde holt ihn das Grauen immer wieder ein. Dennoch ist es weniger ein Buch über das Dasein als Kindersoldat, sondern vielmehr über Wege, diesen Zustand zu verlassen – der Titel ist ganz Programm. Die ersten 120 Seiten beschäftigen sich mit der Flucht des Autors, dann folgt nur wenig über die Gräueltaten als Soldat und weitere gut 100 Seitenhandeln von den Resozialisierungsmaßnahmen. Einige Rückblenden schildern zwar noch brutalste Ereignisse, generell weist das Buch aber einen immanenten – man könnte auch sagen implizierten – Aufwärtstrend des jungen Ishmael Beah auf. Dieser pädagogische Effekt ist sicherlich auch der Zusammenarbeit mit der UNICEF geschuldet.
Nur mittelmäßiger Tiefgang
Es liegt also eine Biografie vor, die durch die vermittelte Authentizität der Selbsterfahrung funktioniert. Man merkt dem Buch allerdings die allzu großen Lücken an, das englische Manuskript soll von über 600 auf die jetzigen 250 Seiten gekürzt worden sein. So gehen der Erzählung immer wieder Biss und Tiefgang verloren, auch findet sich nichts über den eigentlichen Weg in die freie Gesellschaft New Yorks, wo der Autor heute lebt. Gerade hier dürften jedoch große innere Spannungen zu erwarten sein, wie sie z.B. die Islamkritikerin Ayan Hirsi Ali in ihrer Autobiografie „Mein Leben, meine Freiheit“ schildert. Auch wenn Ishmael Beah ein intellektuell herausragender junger Mann zu sein scheint – immerhin las er schon als zehnjähriger Junge im afrikanischen Busch Shakespeare – merkt man dem kargen emotionalen und weltanschaulichen Tiefgang des Textes die verhältnismäßig geringe Lebenserfahrung jenseits von Töten und Drogen an. In den USA schaffte es das Buch auf den ersten Platz der Bestsellerliste und bedient mit Sicherheit auch in Deutschland das viel gelesene Segment der Autobiografie. „Rückkehr ins Leben“ hat jedoch nicht die Kapazität, zu den wirklich wichtigen Büchern eines politischen und gesellschaftlichen Diskurses über Afrika und Werte zu werden.
(Rezensiert am: 2007-07-01)
Ishmael Beah: Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat, Campus, 2007, ISBN-13: 9783593382647, 19.90 €
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