Andy Hahnemann, David Oels (Hg.):

Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert

Belehren & Unterhalten soll ein Sachbuch – dieser Band liefert viele Perspektiven, was es noch sein könnte oder eben nicht!

Von Felix Struening

Sie gehören zu den meist verkauften Büchern und doch weiß keiner genau, was ein Sachbuch eigentlich ist. Im angelsächsischen Sprachraum fällt die Unterscheidung mit ‚fiction‘ und ‚non-fiction‘ relativ einfach, im Deutschen ist es mit der Abgrenzung zur erzählenden Literatur jedoch keinesfalls getan. Da gibt es ja auch noch Fach- und Lehrbücher, Ratgeber, Biografien, politische Bücher und Essays. Dem Thema hat sich ein Forschungsbereich der Humboldt-Universität in Berlin gewidmet und mit dem vorliegenden Band eine Tagung dokumentiert, die Licht ins definitorische Dunkel bringen soll.

Blickwinkel auf einen Hybrid

Schon in der Einleitung wird deutlich, dass es in diesem Buch nicht nur um Sachbücher gehen kann. Stattdessen muss die Sachbuchforschung immer wieder selbst Ziel ihres Erkenntnisstrebens werden, indem sie ihre Methoden permanent hinterfragt und offenlegt. Die Autoren versuchen dies, indem sie das Sachbuch unter drei Paradigmen prüfen: Wissen, Markt und Literatur. Dabei reichen die eingenommenen Perspektiven von normativen Ansprüchen der Literaturwissenschaft über Verlegergründe, Autorenqualifikation und Leserzielgruppe. Abgrenzungsversuche zu anderen Bereichen der Sachliteratur gehen einher mit der Vermischung zwischen Sachbuch und Literatur, Ästhetik und wissenschaftlicher Nüchternheit.

Durch die verschiedenen Perspektiven erhellen sich viele Nuancen des Sachbuches und seiner Funktionen. So zeigt Katrin Völkner am Beispiel der ‚Blauen Bücher‘ wie diese als „Kulturinvestition“ zur Etablierung und zum Selbstbild einer entstehenden Mittelschicht dienten. Ähnlich argumentiert Timo Heimerdinger, der Ratgeberliteratur als Form von Sachbüchern betrachtet und so einen Zugang zur jeweiligen Kultur sieht. Jedoch nicht zur gelebten, sondern erwünschten und geträumten. Leser von Ratgebern würden „nach Lebensstilszenarien, die im Prozess der kulturellen Selbstverortung Orientierung verheißen“, suchen.

Ein anderer Ansatz verdeutlicht, dass in Sachbüchern dargestelltes Wissen nicht nur der Vereinfachung für den Laienleser dient, sondern auch innerwissenschaftliche Diskurse geführt und neue Erkenntnisse publiziert werden. Aus normativer Sicht wird der Leser sogar auf das Niveau des vermittelten Wissens emporgehoben. Dafür muss der Sachbuchautor aber über seine wissenschaftliche Qualifikation hinaus über die Fähigkeit verfügen, Wissen zu allgemeinem Kulturgut zu machen. Er muss Wissender und Popularisierender zugleich sein.

Die meisten Texte beziehen sich auf das 19. Jahrhundert und die Zeit bis 1945. Sie zeigen den Gebrauch durch Ideologisierung im Dritten Reich und die politische Dimension des Sachbuchs in seiner Rolle als Abbild der Öffentlichkeit. So verstanden, ist das Sachbuch eine Erscheinung der Moderne an sich, vor allem aber Ausdruck des Wissensdurstes des 20. Jahrhunderts. Ein wenig mehr Beiträge zu Wissenspopularisierung und Wissensmanagement in der Informationsgesellschaft seit den 1970er Jahren wären hier wünschenswert gewesen. Ebenso eine Einordnung in den Kontext Internet und digitale Medien.

Schlaglichter und ein Arbeitsbegriff

Letztendlich kann der Tagungsband mit seinen vielfältigen Perspektiven nur Schlaglichter auf das Phänomen Sachbuch werfen. Immer wieder dient das Exemplarische und Historische dem Aufzeigen von Mustern, die sich dann doch der Verallgemeinerung sperren. Als normativer Konsens erscheint lediglich die Vorgabe, immer zu belehren und zu unterhalten. Das Sachbuch bleibt ein Hybrid zwischen Laie und Profi, Wissen und Unterhaltung, Sache und Literatur. Den Erfolg oder auch nur die Fähigkeit zur Popularität eines Sachbuches vorherzusagen, scheint unmöglich, ob nun aufgrund des Themas, des Autors oder des Stils. Auch eine klare Sachbuchdefinition bleibt die Quadratur des Kreises. Dennoch leistet der vorliegende Band einen sehr weit gefassten Beitrag zu einem sinnvollen Arbeitsbegriff des Sachbuchs. Vielleicht reicht das auch, denn nicht nur wissenschaftlich macht gerade die Paradoxie und Definitionswiderspenstigkeit einen Großteil der Faszination des Sachbuchs aus.

(Rezensiert am: 2008-02-25)

Andy Hahnemann, David Oels (Hg.): Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert. , Peter Lang Verlag, 2008, ISBN-13: 9783631561324, 49.80 €


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