Judith Mair:
Praxisferne Analyse – wirklich nicht lustig!
Von Benjamin Schulz
Schluss mit lustig! – Das ich nicht lache!
„Es wurde für ernst genommen“, ein Schluck Kölsch und sie fährt fort, „dabei war das Buch nicht ernst gemeint“, lässt uns eine Weggefährtin Mairs vertrauensvoll wissen. Worum es geht? Judith Mair, ihres Zeichens selbst ernannte „Expertin für Populärkultur“, hat ein Buch geschrieben: Schluss mit lustig! Dieses versteht sich als Abrechnung mit „emotionaler Intelligenz, Teamgeist und Soft Skills“. Wer sich in der Welt der „New Economy“ nach klasischen Werten und Regeln sehnt, dem gibt Mair eine umfassende Argumentation an die Hand.
Soweit, nicht lustig.
Stück für Stück führt Mair die Heilslehren der Manegment-Gurus ad absurdum. Es geht nicht um die Freizeitgestalung im Unternehmen, „Arbeit macht keinen Spaß“. Sie ist Broterwerb. Mair übersetzt was die Phrasen der modernen Personalführung bedeuten. „flexible Arbeitszeiten bedeuten Überstunden bis spät in die Nacht, Eigenverantwortung heißt in der Realität Selbstausbeutung.“ Gut recherchiert verweist die „Expertin“ auf über 80 Quellen, anhand derer sie eine „Diagnose der derzeitigen Unternehmenskultur“ durchführt. Und hier offenbart sich die Schwäche des Buches. Alles scheint aus der Literatur abgeleitet zu sein. Denn, so attestiert Prof. Dr. Simsa von der Wirtschaftsuniversität Wien: „Mit der Praxis in Organisationen hat es wenig zu tun.“
Unsaubere Verarbeitung
Der Umschlag kommt im „BrandEins“ Layout daher, das, seit es im Jahre 2001 den „Lead Award“ in der Kategorie Wirtschaftsmagazine gewann, die wohl beliebteste Kopiervorlage für „forward thinking“ Magazine ist. Dabei fällt bei „Schluss mit lustig!“ die in Pixel aufgelöste Vektorengrafik auf, die, ebenso wie die ortho- und typografischen Fehler im Buch, nicht gerade auf ein allzu liebevolles Lektorat schließen lassen.
Und jetzt wird es lustig
„Gewidmet dem Finanzamt, Köln Altstadt Süd, Abt. Umsatzsteuer-Sonderprüfung“ Es sind die Details, die man überlesen kann, oder die einen schmunzeln lassen. In einem Auszug aus dem Regelwerk des inzwischen aufgelösten Büros Mair u. a. liest sich „Regel 11 Garderobe: Während der Arbeit sollte Arbeitskleidung getragen werden. Jede Mitarbeiterin bekommt ein Kostüm, weiter gibt es Shirts und Pullover, auch für Männer.“ Aus dem Umfeld der Autorin vernimmt man, das nach der Publikation der gemütliche Feierabend mit einem Glas Wein hinter 25 mm Lamellen von der Außenwelt abgeschottet werden musste. Wer Wasser predigt, kann – zumindest öffentlich – keinen Wein trinken.
(Rezensiert am: 2004-12-15)
Judith Mair: Schluss mit lustig!. Warum Leistung und Disziplin mehr bringen als emotionale Intelligenz, Teamgeist und Soft Skills, Eichborn, 2002, ISBN-13: 9783821839622, 16.90 €
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