Waris Dirie:

Schmerzenskinder

Ein emotionaler Aufschrei gegen die Verstümmelung der Frauen in Europa!

Von Felix Struening

Nach den autobiografischen Büchern „Wüstenblume“ und „Nomadentochter“ legt Waris Dirie nun eine Studie über die Beschneidung von Frauen in Europa vor. Durch ihren Kampf gegen diese Verstümmelung in Afrika motiviert, begann sie mit einem Rechercheteam zu untersuchen, ob und wie in europäischen Staaten diese Praxis stattfindet. Und kam zu schockierenden Ergebnissen: laut den Vereinten Nationen (UNO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit 150 Millionen Frauen betroffen, davon mindestens 500.000 in Europa.

Beschneidung ist Verstümmelung, ist Folter!

Der Begriff Beschneidung verharmlost die Qualen, die Frauen erleiden müssen. Deswegen verwendet die Autorin den Begriff FGM (Female Genital Mutilation = Weibliche Geschlechts Verstümmelung). Es gibt verschiedene Formen von FGM, meistens werden die Klitoris und die inneren Schamlippen ganz oder teilweise herausgeschnitten. In manchen Gegenden Afrikas werden die äußeren Schamlippen zusätzlich zugenäht – die sogenannte Infibulation – und lediglich ein kleines Loch bleibt von der Vagina zurück. Urin und Menstruationsblut können so nur tröpfchenweise abfließen. Unsägliche Schmerzen, Infektionen und Krankheiten sind vorprogrammiert. Vor der Hochzeitsnacht werden die äußeren Schamlippen wieder aufgeschnitten, manchmal auch erst zur Geburt eines Kindes.

FGM in Europa

Tatsächlich betrifft FGM in Europa hauptsächlich Einwanderinnen aus den afrikanischen Staaten. Entweder werden die Mädchen hier illegal verstümmelt oder es geschieht während eines „Heimaturlaubes“. Waris Dirie beschreibt, wie das Trauma dieser Mädchen und Frauen immer wieder hochkommt: „Ich fühle diesen plötzlichen grauenhaften Schmerz und diese unglaubliche Ohnmacht, den Menschen, die mir das Schlimmste zugefügt haben, das mir in meinem Leben passiert ist, ausgeliefert zu sein.“ FGM ist ein Tabuthema, die Frauen reden kaum untereinander, geschweige denn mit den Männern. Dabei verhindert die Beschneidung z. B. auch ein normales Empfinden beim Geschlechtsverkehr: „Ich liebe einem Mann, aber da ist kein Gefühl, überhaupt keins! Es ist bald dreißig Jahre her, dass ich verstümmelt wurde. Aber wenn diese Gegend berührt wird, dann habe ich immer noch das Gefühl, als sei der Eingriff gestern gemacht worden.“

Was haben Islam und FGM miteinander zu tun?

Die Verstümmelung ist eine vor-islamische Tradition, wie die Autorin erklärt. Warum wird sie dann vor allem in islamischen Ländern praktiziert? Im Koran wird sie nicht vorgeschrieben, aber in einigen Hadithen. Dies sind die Beschreibungen von Mohammeds Leben und gelten als weiteres Regelwerk. Die muslimische Denkschule, die vor allem in afrikanischen Staaten verbreitet ist, enthält die Anweisungen zur Verstümmelung. Immerhin distanzieren sich mittlerweile immer Imame von FGM. Waris Dirie, selbst gläubige Muslimin: „Der Koran ist nicht schuld daran, dass vor allem in den islamischen Ländern FGM praktiziert wird. Aber Verantwortung trägt die Religion natürlich schon.“ Meist wird FGM nur der Tradition halber durchgeführt. Unintegriert und einsam am Rand der europäischen Gesellschaft, gewinnen Traditionen für viele Afrikaner eine bedeutendere Rolle. Zumal die Frauen oft durch ihre Männer unterdrückt dazu gezwungen werden, ihre Töchter verstümmeln zu lassen.

Die Anti-FGM-Bewegung

Seit mittlerweile über 20 Jahren wird in Europa gegen FGM gekämpft, immer mehr Organisationen versuchen mit verschiedenen Mitteln, gegen die Frauenschändung vorzugehen. Von der Rückoperation mit psychischer Betreuung bis hin zu Initiativen, die die Eltern verklagen, öffnet sich ein breites Spektrum. Dabei liegt es der Autorin vor allem daran, das medizinische und soziale Fachpersonal auszubilden, damit dieses angemessen mit den Opfern umgehen kann. Das Buch schließt seinen Aufruf gegen die Verstümmelung der Frau mit einem „Waris-Dirie-Manifest“, indem Waris Dirie bessere Zusammenarbeit und Unterstützung der Organisationen und vor allem Aufklärung der betroffenen Frauen fordert. Eine Zusammenfassung der Fakten mit medizinischen und psychologischen Risiken, den verschiedenen Rechtssituationen in den europäischen Ländern und eine Adressenliste mit Anti-FGM-Organisationen runden das Buch ab. Trotz einiger Längen in der Mitte, bleibt das Thema erschreckend und fesselnd. Insgesamt hat die Autorin ein Werk mit starker Emotionalität geschaffen und zeigt, dass noch viel zu tun ist.

(Rezensiert am: 2005-04-12)

Waris Dirie: Schmerzenskinder. , Marion von Schröder, 2005, ISBN-13: 9783547710670, 18.00 €


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