Orhan Pamuk:

Schnee

Die Türkei und ihre Menschen zwischen Islamismus und Kemalismus – eine großartige Erzählung über diese Spannung!

Von Felix Struening

Die Türkei zwischen Asien und Europa, zwischen Tradition und Moderne und vor allem zwischen Islam und Säkularismus ist das Thema von Orhan Pamuks neuen Roman. Aber er ist auch die Geschichte von Menschen die lieben, hassen und mit dem Leben kämpfen. Auf der ständigen Suche nach dem Sinn ihres eigenen Daseins irren sie umher und wirken dabei so echt, als hätte der Autor sie wirklich erlebt.

„Einsamkeit ist eine Frage des Stolzes; der Mensch vergräbt sich hochmütig in seinem eigenen Dunst.“

Ka – Held und zugleich Antiheld des Buches – ist türkischer Dichter im deutschen Exil. Anlässlich des Todes seiner Mutter kehrt er nach Istanbul zurück, um dann weiter nach Kars zu reisen. Dort soll er über eine Selbstmordserie junger Frauen berichten, will vor allem aber die schöne Ipek aus seiner Studienzeit wiedersehen. In Kars angekommen gerät Ka sofort zwischen die lokalen Mühlenräder der Macht. Islamisten, Kemalisten, Militärs und der Scheich wollen ihn für sich gewinnen oder gebrauchen. Dabei brechen in Ka seine alten religiösen Zweifel wieder auf: „Ich wollte einen Allah, bei dem ich nicht die Schuhe ausziehen brauchte um vor ihn zu treten, der nicht erwartet, dass ich jemanden die Hand küssen und auf meine Knie fallen muss. Einen Allah, der meine Einsamkeit verstand.“ Zugleich versucht er Ipek zu gewinnen, in die er sich sofort verliebt. Dabei wird er ständig von seinen Ängsten, sie nicht gewinnen zu können oder sie zu verlieren, geplagt. Ka, egoistisch bis melancholisch, verzweifelt und einsam, ist dennoch in seiner Verliebtheit so glücklich wie nie zuvor.

Protagonist, Erzähler und Autor

Orhan Pamuk zeichnet seine Hauptfigur aus der Perspektive eines nahen Freundes, indem er sich selber als Erzähler immer wieder einmischt. Dadurch wird Ka, der die politischen Vorgänge in Kars maßgeblich mit beeinflusst zum Helden und zugleich aufgrund seines Versagens auf persönlicher Ebene zum Verlierer. „Er, der sich in seinen letzten vier Jahren mit Selbstvorwürfen peinigte, sollte sich eingestehen, dass er sein Leben lang an seiner Neigung, mit Worten zu verletzen, die Zuneigung maß, die jemand für ihn aufbrachte.“ Nach etwa 300 Seiten tritt der Erzähler dann persönlich auf, um zu erklären, wie er dazu kam, die Geschichte von Ka aufzuschreiben. Er begibt sich vier Jahre nach dem eigentlichen Geschehen und nach dem Tod Kas auf dessen Spuren und nimmt Kontakt zu den wichtigen Figuren auf. Dadurch erweitert Orhan Pamuk der Roman um eine Metaebene, aus der er sich auch zeitliche Vorblicke leistet. Der hinzukommende Vorgriff in den Kapitelüberschriften gibt dem ganzen etwas Theatralisches, obwohl die melancholische Erzählweise eher einem Märchen gleicht.

Schnee

Eine weitere literarische Ebene flicht der Verfasser ein, indem er Ka urplötzlichen Eingebungen zufolge Gedichte schreiben lässt. Diese Gedichte werden allerdings nicht zitiert, da sie verlorengegangen sind. Gerade dieses Auslassen lässt sie interessant werden, da sie dem Leser Spielraum für eigene Fantasien eröffnen. Die Gedichte bzw. ihre inhaltliche Umgebung geben dem Leben Kas und dem ganzen Roman eine Struktur: die einer Schneeflocke. Womit wir bei der titelgebenden Metapher angelangt sind. Dauerhaft fallender Schnee ermöglicht erst die Geschehnisse in Kars und wird zugleich zum unschuldigen, verdeckenden, reinigenden, blockierenden und vor allem verschleiernden Symbol.

„Wir können keine Europäer werden!“

Dass eigentliche und größte Thema bleibt jedoch die Auseinandersetzung mit dem Islam und der Wendung der Türkei nach Europa. Orhan Pamuk versteht es, den Islam in allen Facetten zu zeigen: Friedliche Scheiche und einfache Gläubige treten auf, die Kopftuchdebatte am türkischen Universitäten wirkt sich einscheidend auf den Roman aus. Vor allem aber werden die Islamisten und ihre Europafeindlichkeit thematisiert. Und während die fanatischen Anhänger Allahs meist in geistiger oder zumindest weltanschaulicher Beschränktheit gezeigt werden, wirkt die Erzählweise doch manchmal etwas didaktisch. Gerade so, als wolle der Autor dem Leser zeigen, dass die Islamisten nur wenige Extremisten sind und der Islam an sich friedlich sein könnte. Die Diskussion zwischen Ka und Ipeks Schwester Kadife, der Anführerin der Kopftuchmädchen wird zum Beispiel der inneren und äußeren Konflikte: „‚Aber ohne Prinzipien, ohne Glauben kann niemand glücklich sein’, sagte Kadife. ‚Richtig. Aber in einem grausamen Land wie dem unseren, in dem der Mensch keinen Wert hat, ist es nur Dummheit, sich für seinen Glauben aufzuopfern. Hohe Prinzipien, reiner Glauben: das ist etwas für die Menschen in reichen Ländern.’ ‚Ganz im Gegenteil. Die Menschen in armen Ländern haben nichts anderes als ihren Glauben, woran sie sich halten können.’“ Es wird klar, dass der politische Islam in der Türkei eine gewaltige Rolle spielt, von Orhan Pamuk verstanden als die Unfähigkeit persönliche Probleme mit der Religion Allahs zu lösen. Untrennbar davon ist die nationale Identität der Türken, entstanden aus dem osmanischen Großreich, durchmischt mit Armeniern und Kurden. „Türke zu sein, ist meistens eine Entschuldigung für etwas Schlechtes oder eine Ausrede.“

„Solange die im Westen sich nicht dafür interessieren, kümmern sich die türkischen Zeitungen nicht um das Leid und Elend ihres eigenen Volkes.“

Insgesamt verdichtet sich in der kleinen Stadt Kars die jüngere Geschichte der Türkei selbst: Der Nachrichtendienst terrorisiert fast jeden, Kemalisten und Islamisten stehen sich unversöhnlich feindlich gegenüber. Kurz bevor letztere bei der Bürgermeisterwahl die Macht gewinnen, kommt es zum Putsch des Militärs. Karikiert wird dies dadurch, dass der Anführer ein Schauspieler ist, der einst für die Rolle des Atatürk vorgeschlagen aber nie genommen wurde. Nun lebt er seine Rolle auf der Theater- und politischen Bühne aus. Dieser leicht süffisante Erzählton vermischt sich mit der Schwermut des Erzählten und lässt den großartigen Roman genauso zerrissen wirken, wie die Türkei es ist. Orhan Pamuk, der im Jahr 2005 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde und der als Türke den EU-Beitritt seines Landes befürwortet, zeigt mit diesem Buch eindrucksvoll die große Liebe zu seiner Heimat. Zugleich wird aber klar, dass die Türkei wohl immer zwischen den Stühlen stehen wird und niemals wirklich zu Europa gehören kann.

(Rezensiert am: 2005-11-23)

Orhan Pamuk: Schnee. , Hanser Verlag, 2005, ISBN-13: 9783446205741, 25.90 €


BuchTest Services



Bookmark and Share


powered by eurobuch.com

Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews

World Wide Web BuchTest

Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt
Hier könnte Ihre Werbung stehen.

BuchTest.de ist ein anspruchsvolles Online-Medium mit mehreren Tausend Lesern monatlich. Unsere Zielgruppe sind gebildete Menschen im besten Alter.

BuchTest.de erscheint in der Regel bei allen besprochenen Büchern unter den ersten drei bis fünf Suchergebnissen bei Google. Der hohe PageRank und der umfangreiche Traffic von BuchTest bringt Ihrer Webseite den richtigen Push.

Kontaktieren Sie uns jetzt für günstige Werbung: info@buchtest.de