Hans Magnus Enzensberger:
Der radikale Verlierer – interessanter Blickwinkel auf die Psyche des Selbstmordattentäters!
Von Felix Struening
„Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung, Aggression und Autoaggression. Einerseits erlebt der Verlierer im Moment seiner Explosion eine einmalige Machtfülle. Seine Tat ermöglicht es ihm, über andere zu triumphieren, indem er sie vernichtet. Andererseits trägt er der Kehrseite dieses Machtgefühls, dem Verdacht, daß sein Dasein wertlos sein könnte, dadurch Rechnung, daß er ihm ein Ende macht.“
Der radikale Verlierer
Was Hans Magnus Enzensberger unter dem befremdlichen Titel „Schreckens Männer“ wagt, ist ein soziologischer, ja gewissermaßen ein psychologischer Blick auf den Selbstmordattentäter. Für den Autoren handelt es sich dabei um den „radikalen Verlierer“, einen, der sein Leben und das der anderen für wertlos hält. Es handelt sich dabei fast immer um Männer, die ihre gewohnte Machthemisphäre nicht mehr erleben und so einen imaginären Bedeutungsfall erleben. Ihr Blick richtet sich dabei nie auf diejenigen, denen es noch schlechter geht, sondern immer nur auf glücklichere. Aus Rache werden sie mit in den Tod gerissen, werden auch zu Verlieren.
Hitler und Islamismus
Hans Magnus Enzensberger zieht dabei eine interessante Parallele zwischen den Nationalsozialisten des Dritten Reichs und dem Islamismus. Hitler und seine Strategen könnten es nie für realistisch gehalten haben, die Weltherrschaft zu erlangen. Stattdessen nutzten sie die Demütigung des deutschen Volkes durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Verträge von Versailles um es bis zum letzten Mann aufzureiben. Ein Verzweiflungskampf, der dem der Islamisten gleicht, wenn diese eine (nicht zu realisierende) weltweite Vorherrschaft des Islam als Beweggrund für ihre Anschläge vorgeben.
Die These greift etwas zu kurz
Auch wenn Hans Magnus Enzensberger These einen sehr interessanten Blickwinkel eröffnet, greift sie etwas zu kurz. Es ist richtig, wenn er die „narzisstische Kränkung“ und die daraus resultierenden Verschwörungstheorien der Araber und Muslime darauf zurückführt, dass die ihnen im Koran versprochene Eliteposition permanent mit der Realität kollidiert. Zugleich stellt der Verfasser aber auch eine Studie vor, die besagt, dass ein Großteil der Mitglieder islamistischer Organisationen ein sehr hohes Bildungsniveau hat und der Mittel- bis Oberschicht entspringt. Demzufolge muss die Kopfwäsche und Indoktrinierung islamistischer Organisationen so perfekt funktionieren, dass eben doch an den Sieg des Islam geglaubt wird, zumal die paradiesische Belohnung für Märtyrer eine nicht zu verachtende Rolle spielt.
Zu westlicher Blickwinkel
Alles in allem bleibt Hans Magnus Enzensbergers Blickwinkel zu eingeschränkt, zu westlich. Der „radikale Verlierer“ hat in den muslimischen Ländern seine patriarchalische Machtposition noch inne und die vom Autor angenommene permanente Demütigung des Arabers durch die Konfrontation mit westlichen Gütern ist übertrieben bewertet. Die Frage ist viel eher, wieso gut gebildete Menschen die in westlichen Zivilisationen leben, von einer politischen Religion so beeinflusst werden können, dass die vermeintliche Kluft zwischen gelebten Konsum und heilsversprechender Religion so massiv werden kann, dass die Selbstaufgabe ohne Zweifel erfolgt. Doch diese Frage kann man nur mit einem tieferen Blick in die religiöse und soziokulturelle Welt des Islam beantworten, als es Hans Magnus Enzensberger in diesem kurzen Essay möglich ist.
(Rezensiert am: 2006-04-06)
Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer, Suhrkamp, 2006, ISBN-13: 9783518068205, 5.00 €
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