Siegfried Lenz:

Selbstversetzung

Über Schreiben und Leben

Ein großer deutscher Autor im Spiegel seiner selbst – vom Verlag nur ungebührend ausgestattet und ohne Neues!

Von Felix Struening

Es ist üblich, großartigen Schriftstellern zu runden Geburtstagen edle Ausgaben ihrer Werke zu widmen. Insbesondere wenn es sich um den 80. Geburtstag eines der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit handelt. Siegfried Lenz, der mit seinem Roman „Deutschstunde“ weltweiten Ruhm erlangte, kann am 17. März 2006 eben dieses Jubiläum feiern. Sein Verlag ‚Hoffmann & Campe’ gab zu diesem Anlass neun seiner Essays heraus, die vorwiegend autobiografisch vom Schreiben erzählen.

„Zur Literatur zählt mehr, als einige unwirsche Hohepriester uns einreden wollen“

Siegfried Lenz führt zunächst in die masurische Welt seiner Jugend, erlebt erneut den Beginn des Krieges, Wehrertüchtigung, die erste Liebe und schließlich die Einberufung zur Marine. Der Leser erfährt von Vorbildern, wie dem kritischen Deutschlehrer und von erster Lektüre – nicht etwa Thomas Mann oder Mark Twain, sondern kleine Abenteuerroman-Hefte, die kursierend immer wieder zu neunen Heldentaten im Geiste anstachelten. Schließlich beobachtet sich Siegfried Lenz beim Schreiben seines ersten Romans und des ersten Theaterstücks. Er belächelt die spießige Dekadenz seiner Straße und sinniert über den Platz des Autoren im Kreise seiner Leser.

Hemingway und schriftstellerische Unabhängigkeit.

Natürlich darf eine Würdigung Ernest Hemingways nicht fehlen, des großen schriftstellerischen Vorbildes. Schon in „Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur“, das anlässlich seines 75. Geburtstages erschienen war, hatte Siegfried Lenz eine Hommage an den amerikanischen Autor gerichtet. Nun geht er aber einen Schritt weiter und erzählt von seiner Lossagung von Hemingway, von der langsamen, vollbewussten Trennung. Siegfried Lenz wendete sich von der Konzentration auf den Todesmoment und der Entscheidungssekunde ab. Stattdessen traten nun die Zeiten vor und zwischen den Niederlagen hervor, Phasen der Entscheidungslosigkeit gewannen an Bedeutung. Man merkt dies durchaus an den Lenz’schen Kurzgeschichten: Alles verdichtet sich, gewinnt an Bedeutung und dennoch entzieht der Autor im letzten Satz dem Leser den Boden, jegliche vermeintliche Sicherheit wird zur Farce und die im Kopf gebildeten Erzählwelten müssen aufs neue hinterfragt und geprüft werden.

Selbstversetzung...

Was aber will der Autor mit ‚Selbstversetzung’ sagen? Bei Siegfried Lenz ist dies der Wechsel des Autoren in die Perspektive der Handlungsfiguren. Für ihn bedeutet die Trennung vom Persönlichen, Autobiografischen die Aufwertung zur größtmöglichen Wiederholbarkeit, vielleicht sogar Allgemeingültigkeit, zumindest aber Nachempfindbarkeit: „Niemand kann die präzise Wiederholbarkeit erfahrener Augenblicke garantieren. Erst durch Verwandlung, und das heißt: durch Erfindung, erhält gemachte Erfahrung eine Chance, auf langfristige Weise ‚wahr’ zu werden.“

... und selbst?

Folgt man dem Klappentext, so „bringt Siegfried Lenz uns erstmals sich selbst näher“. Wer aber in die Quellennachweise schaut, wird feststellen, dass der jüngste Text von 1981 ist, die meisten sind in den 60er Jahren entstanden. Außerdem sind alle bereits in Zeitungen, Zeitschriften oder Essaybänden erschienen. Was ist also wirklich neu und erstmals daran? Hätte der ‚Hoffmann & Campe’ Verlag zu Ehren eines seiner wichtigsten Schriftsteller nicht mehr bieten können? Auch die Ausstattung des Buches ist dem Anlass nicht gerade entsprechend: Zwar schön gebunden ist weder Leinen drin, noch eine gebührende Gestaltung. Wie wäre es mit einigen Abbildungen des Autors gewesen, des ersten Buchcovers, einer handschriftlichen Seite des Autors? Hier bleibt der Verlag seinem Autor viel schuldig. Lediglich das zeitgleich erschienene Buch „Die Erzählungen“ tröstet ein wenig. Immerhin finden sich hier alle Lenz’schen Kurzgeschichten, inklusive 60 bisher in Buchform unveröffentlichter.

(Rezensiert am: 2006-03-10)

Siegfried Lenz: Selbstversetzung. Über Schreiben und Leben, Hoffmann und Campe, 2006, ISBN-13: 9783455042863, 25.00 €


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