Salman Rushdie:

Shalimar der Narr

Zwischen Liebe und Mord, zwischen Paradies und Hölle – sprachlich gewöhnungsbedürftiger aber spannender Roman über Gefühlswelten und Kulturunterschiede!

Von Felix Struening

Es ist ein Buch der Liebe. Und eines des Todes. Der tötenden Liebe. Oder der getöteten Liebe. Salman Rushdie schreibt in seinem neuen Roman vor allem über Kaschmir. Über seine Liebe zu diesem Fleck Erde und über dessen Verfall vom irdischen Paradies zur Hölle auf Erden.

Ein Mord als Anfang des Endes

Doch zunächst erlebt der Leser, wie Max Ophuls, ehemals Botschafter der USA in Indien, vor der Haustür seiner Tochter abgeschlachtet wird. Was erst wie ein politisch-islamistisch motivierter Mord erscheint, stellt sich recht bald als persönlich heraus. Eifersucht trieb den Mörder des Botschafters: dessen Geliebte war die Ehefrau des Attentäters, Shalimar dem Narren. Aus dieser Affäre entstand India, die Tochter des Botschafters und der Kaschmiri Boonyi.

„Ein Kaschmiri zu sein, ein derart unvergleichliches Gottesgeschenk erhalten zu haben, hieß, das Gemeinsame weit stärker zu schätzen als das Trennende.“

India, die eigentlich Kaschmira heißt, begibt sich nach dem Mord an ihrem Vater auf die Reise in ihre verlogene Vergangenheit. Dazu entführt der Autor den Leser in das Kaschmir einer Zeit, als noch Frieden und Eintracht zwischen den muslimischen und hinduistischen Bewohnern herrschte. Und während am Horizont der Konflikt zwischen Indien und Pakistan bereits beginnt, können in dem abgelegenen Dorf der muslimische Shalimar der Narr und die hinduistische Boonyi noch heiraten. Alles scheint paradiesisch zu sein, bis die indische Armee einmarschiert, um die von Norden drohende Invasion islamischer Horden zu verhindern. Von nun an geht es stetig bergab, sowohl mit Kaschmir, als auch mit Salman Rushdies Figuren. Boonyi versucht dem ländlichen Kleinbürgertum zu entkommen und wird die Geliebte des amerikanischen Botschafters. Vom neuen „westlichen“ Leben überfordert, wird sie bald zum physischen und psychischen Wrack, Max Ophuls lässt sie fallen. Der Versuch in ihre weitestgehend zerstörte Heimat zurückzukehren glückt nur teilweise und in ihr Leben tritt mit der tödlichen Eifersucht Shalimars eine völlig neue Bedrohung.

„Freiheit ist kein Kaffeekränzchen, India. Freiheit ist Krieg.“

Salman Rushdie scheint mit seinem neuen Roman wirklich alles ansprechen zu wollen: Kaschmirkonflikt, Islamismus, Osama bin Laden, US-amerikanische Vorherrschaft und Dekadenz, Werteverfall, französische Résistance, Judenvernichtung, Hass, Liebe, Eifersucht, Heldentum. Er zeichnet die persönlichen Schicksale einiger weniger nach, tangiert viele andere und entwirft zugleich ein Bild der neueren Weltgeschichte. Frankreich, England, Indien, die USA, Pakistan und natürlich das einst unabhängige Kaschmir sind seine Spielorte. Unzählige Anspielungen und Referenzen an Filme, Personen der Politik und Kultur und an wahre Ereignisse vermischen Fiktion und Realität, Einzelschicksal und Weltgeschehen.

Schwieriger Sprachstil – konsequentes Ende

Anfangs ist der orientalisch angehauchte Sprachstil wirklich anstrengend. Salman Rushdie kommt von seinen Figuren gar nicht mehr los, erzählt belanglos scheinende Details, verfängt sich in Satzschleifen und Schachtelsätzen. Wer es aber schafft, die ersten 150 Seiten zu lesen, wird ein wirklich beeindruckendes Buch vorfinden. Auch wenn der Plot recht bald erkennbar wird, bleibt das Buch meist spannend. Die Figuren sind so stark gezeichnet, dass sie bis zum Ende überzeugen. Ein Ende übrigens, das sehr konsequent ist und eine Art „happy end“ darstellt, zumindest aber Gerechtigkeit.

Ein menschlicher Mörder?

Nun mag man dem Autor vorwerfen, er würde einen fanatischen, islamistisch motivierten Attentäter viel zu persönlich und menschlich zeigen. Und das, obwohl Salman Rushdie selbst jahrelang unter starken Sicherheitsvorkehrungen leben musste, nachdem der iranische Revolutionsführer Khomeini eine Fatwa (Rechtsgutachten) gegen ihn und alle an seinem Buch „Die satanischen Verse“ Beteiligten aussprach und ihn somit für vogelfrei erklärte. Beim Gespräch in Berlin erzählt Salman Rushdie aber, dass Shalimar der Narr im Buch menschlich und nachvollziehbar sei, um ihn spannend zu halten. „Verstehen heißt nicht entschuldigen“, sagt der Autor und weist zurück, damit alle Islamisten erklären zu wollen. Sein Protagonist sei durch Eifersucht getrieben, generell unterstelle er extremistischen Muslimen vor allem aber Angst vor der Sexualität der Frau.

Salman Rushdie und der Islam

Zwar spielt die Spannung zwischen Ehre und Scham der islamischen Kultur eine starke Rolle in „Shalimar der Narr“, insgesamt hält Salman Rushdie seine Kritik am Islam und dessen politischer Natur jedoch erstaunlich weit zurück. Stattdessen positioniert er sich als beobachtender Romancier, nicht unpolitisch, aber auch nicht pamphletisierend. Salman Rushdie erreicht so eine literarische Reife, die, abgesehen von seinem gewöhnungsbedürftigen Sprachstil, überzeugt.

(Rezensiert am: 2006-01-27)

Salman Rushdie: Shalimar der Narr. , Rowohlt Verlag, 2006, ISBN-13: 9783498057749, 22.90 €


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