Manfred Rätzmann:

Software-Testing & Internationalisierung

Agiles Qualitätsmanagement. Die Praxis der Internationalisierung. Methodische Testfallermittlung.

Solide und gut aufbereitete Kost, leider mit untergewichtetem Thema Internationalisierung!

Von Tobias Lütticke

Testen und Internationalisierung als ungewöhnliche, aber wichtige Paarung

Manfred Rätzmann hat sein Buch „Software-Testing & Internationalisierung“ zwei Bereichen der Software-Entwicklung gewidmet, die von großer Bedeutung sind. Dennoch werden beide immer wieder vernachlässigt. Das Testen von Software ist oft unorganisiert und unvollständig. Die Internationalisierung (I18n) wird gerne zu spät in Angriff genommen, so dass Aufwand und Kosten unnötig in die Höhe steigen. Die Kombination des Themas Testen mit dem der Internationalisierung mag seltsam anmuten, Rätzmann betrachtet die Internationalisierung aber durch die Testerbrille und geht auf die besonderen Schwierigkeiten beim Testen ein.

Sieben Kapitel zum Testen und zur Internationalisierung

Das Buch ist in insgesamt sieben Kapitel gegliedert, von denen sich nur das letzte mit dem Thema Internationalisierung beschäftigt. Der Schwerpunkt liegt also deutlich auf dem Bereich Testen und seinen unterschiedlichen Aspekten. Diesen verschiedenen Facetten sind dann auch die anderen Kapitel zugeordnet. Es beginnt mit einer Einführung in das Rapid Application Testing, gefolgt von einem allgemeinen Überblick über das Thema Tests. Dieses Kapitel enthält auch den größten Teil des Hintergrundwissens und geht auf viele grundlegende Fragen ein. Dazu gehört die Vorstellung von Teststrategien und Testverfahren (Black Box / White Box), der unterschiedlichen Testarten (zum Beispiel Last- oder Sicherheitstests), Vorschläge zur Auswertung von Testergebnissen, sowie Hinweise auf die Abhängigkeit der Tests von den gewählten Eingabedaten. Kapitel Drei geht auf Tests in der täglichen Praxis ein und begutachtet dabei die Aspekte Risikobewertung, Testabdeckung und Testmuster. Zusätzlich thematisiert es konkrete Fragestellungen aus den Bereichen Unit-, Integrations-, System- und Performance-Tests. Dazu gehören unter anderem: Wie wirken sich Systemparameter auf Performance-Tests aus? Wie rückt man Transaktionen bei Integrations-Tests zu Leibe? Welche Punke aus dem Bereich Sicherheit sind bei Systemtests von Bedeutung?

Das folgende Kapitel beschreibt Verfahren und Werkzeuge. Es behandelt dazu die Bereiche Debugging, Automatisierung, das testorientierte Anwendungsdesign und natürlich mögliche Werkzeuge. Die Aufzählung dieser ist aber keine Empfehlung derselben. Der Autor greift vielmehr aus den einzelnen Bereichen exemplarisch einige heraus und gibt Hinweise auf Leistungsfähigkeit, Grenzen und typische Merkmale. Die Liste der Werkzeuge ist vielmehr als ein Ansatzpunkt zur selbständigen Suche nach geeigneten Tools zu verstehen. Für diese Recherche liefert sie aber etliche gute Ansatzpunkte. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich ausschließlich mit der Aufgabe der Testfallermittlung. Letztendlich erstreckt es sich zwar nur über dreißig Seiten, der Stellenwert dieser Teilaufgabe des Testens wird aber so gebührend honoriert. Tests um ihrer selbst willen oder nur um das Gewissen zu beruhigen, führen nicht zu hochwertigerer Software. Der Auswahl geeigneter Tests kommt also besondere Bedeutung zu.

Agiles Qualitätsmanagement ist das Thema des vorletzten Kapitels. Hier finden sich Ausführungen zu Aufwandsabschätzungen und Kundeninteraktion, aber auch pragmatischere Abschnitte zur Auswahl eines Testrechners, Verwaltung der Testdaten und Qualitätskontrolle. Den Abschluss bildet Internationalisierung und Lokalisierung. Dieses letzte Kapitel geht auf die besonderen Herausforderungen der Internationalisierung bei Software-Produkten ein. Diese Besonderheiten sind recht zahlreich und haben das Potential, Projekte zum Scheitern zu bringen, wenn sie nicht rechtzeitig berücksichtigt werden. Die Hälfte des Kapitels beschäftigt sich mit den spezifischen Fragestellungen beim Software-Entwurf bis hin zur Installation. Die zweite Hälfte widmet sich dann wieder ganz dem Testen, diesmal speziell dem einer internationalisierten Anwendung.

Übersichtliche Abschnittsstruktur

Wo es sinnvoll und angebracht ist, lockern Screenshots, Tabellen, Code-Beispiele und Grafiken den Text auf. Sie sind überzeugend eingesetzt, veranschaulichen die Erläuterungen und helfen beim Verständnis. Die Abschnittsstruktur innerhalb der Kapitel ist übersichtlich. Die einzelnen Abschnitte sind nie zu lang, so dass man immer den Überblick behält. Zusammengehörende Erklärungen bilden einen Abschnitt, der sich auch über das Inhaltsverzeichnis gut wiederfinden lässt.

Schneller Zugang zu Informationen mit Praxisbezug

Eine Lektüre des Buches von der ersten bis zur letzten Seite ist nicht zwingend erforderlich. Insbesondere das Kapitel über Internationalisierung kann losgelöst von den anderen betrachtet werden. Aber auch wer sich nur die Grundlagen aneignen oder über Testfallermittlung Gedanken machen will, findet sich zurecht. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass sich auch später jederzeit wieder spezielle Dinge nachlesen lassen. Aus den Schilderungen spricht der Praxisbezug. Gut lässt sich erkennen, dass der Autor nicht die reine Lehre vertritt, sondern immer den Bezug zu realen Problemstellungen beibehält.

Anschauliche Beispiele und Vergleiche

Sachlich, aber nicht trocken präsentiert Rätzmann Grundlagen wie praxisbezogene Details. Dabei lässt er sich auch hin und wieder zu einem subtilen Scherz hinreißen: „... was auf das nächste Jahrzehntausendproblem hinweist“. Die Lektüre wird so immer wieder auflockert. Er benutzt anschauliche Beispiele und Vergleiche, um wichtige Sachverhalte zu verdeutlichen. Dabei abstrahiert er von konkreten Technologien. Seine Ausführungen sind in der Regel so allgemein gehalten, dass sie für alle Technologien gelten. Trotzdem wirken sie nicht oberflächlich. Ergänzend betrachtet er auch einige Bereiche separat, etwa Scripting unter Windows (zur Automatisierung).

Internationalisierung kommt zu kurz

Gemessen an der Tatsache, dass der Autor die Internationalisierung zum Titelthema seines Buches erhoben hat, kommt sie etwas zu kurz. Obwohl es sich um ein komplexes und spannendes Thema handelt, macht es mit 70 Seiten nur etwa 20 Prozent des Buches aus. Ein Standardproblem, das ausgespart bleibt, ist die Internationalisierung von Stammdaten. Eine in der Datenbank hinterlegte Liste von Ländernamen muss etwa auch in verschiedenen Sprachen existieren. Nur dann kann zum Beispiel die Webanwendung zur Laufzeit Nutzern aus unterschiedlichen Ländern Auswahlmöglichkeiten in ihrer Landessprache anbieten. Dies muss aber ganz zu Beginn beim Anwendungsdesign schon berücksichtigt werden. Insgesamt greift Manfred Rätzmann etliche wesentliche Aspekte der Internationalisierung auf, vermittelt aber kein ganzheitliches I18n-Konzept. Das kann auch nicht die Aufgabe eines Buches zum Thema Testen sein, der Titel weckt aber diesbezüglich Erwartungen.

Agilität: Interessantes Thema bruchstückhaft behandelt

Das Kapitel über Agilität macht einen zusammengestückelten Eindruck. Agilität ist im Kontext des Buches zwar von Interesse, weil sie hilft, qualitative gute Software zu erstellen. Ein Werkzeug für die Erstellung von hochwertigen Softwareprodukten sind die Tests, die das Kernthema des Buches bilden. Unter agiles Qualitätsmanagement – so auch die Kapitelüberschrift – fallen dann auch die Tests von Software. Trotzdem wirken die gerade mal sieben Seiten, die sich mit Agilität im engeren Sinne beschäftigen, eher wie ein Fremdkörper im Inhalt. Informationen zum Bereich Agilität ins Buch zu integrieren ist zwar eine attraktive Idee, hilft sie doch mit einem interessanten Thema auch die Randbereiche des Testings zu betrachten und über den Tellerrand hinauszuschauen. Dieser Versuch ist allerdings nur bedingt geglückt, agile Vorgehensweisen und ihr Zusammenhang zum Testen kommen etwas zu kurz. Die Abschnitte über Aufwandsabschätzungen sowie Auswahl und Konfiguration des Testrechners haben mit agilem Qualitätsmanagement wenig zu tun.

Umfassende und praxisorientierte Abhandlung von Software-Tests

Insgesamt bietet „Software-Testing & Internationalisierung“ einen soliden und umfassenden Einstieg in das Thema des Testens von Software. Inhalte werden gut verständlich und übersichtlich strukturiert aufbereitet. Mit dem Studium der einzelnen Kapitel erhält der Leser Informationen, die sich schnell im den praktischen Projekteinsatz umsetzen lassen. Alles in allem ein gutes Preis-Leistungsverhältnis.

(Rezensiert am: 2005-09-29)

Manfred Rätzmann: Software-Testing & Internationalisierung. Agiles Qualitätsmanagement. Die Praxis der Internationalisierung. Methodische Testfallermittlung., Galileo, September 2004, ISBN-13: 9783898425391, 44.90 €


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