Stanislaw Lem:

Solaris

Etwas unerklärliches wird für die Menschheit zur Faszination und für den Leser zur Frage nach dem Sinn des Seins – spannend philosophische Science-Fiction!

Von Felix Struening

Seit über hundert Jahren beschäftigen sich unzählige Forscher mit einem Planeten: Solaris. Jetzt gibt es ein Hilfesignal von den dort stationierten Astronauten. Der Icherzähler, Dr. Kris Kelvin, reist zu der Station und muss feststellen, dass sich einer der drei Forscher umgebracht hat. Die anderen beiden scheinen verrückt zu sein, wollen nur unzulänglich mit ihm über die Geschehnisse reden. Doch schon in der ersten Nacht muss Kelvin am eigenen Leib erfahren, was hier los ist: Der Planet bzw. der ihn umschließende Ozean projizieren den Forschern menschliche Erscheinungen. Diese entstammen anscheinend den verdrängten Inhalten ihrer Gedächtnisse. So sieht sich Kelvin mit seiner Exfreundin konfrontiert, die damals Selbstmord begangen hatte, als ihre Liebe scheiterte. Er beginnt über die Ursachen zu forschen und erklärt dem Leser die Phänomene der Solaris. Er geht in die Bibliothek der Station und liest in den Solaris-Büchern. Da er sie meistens schon kennt, fasst er sie nur kurz zusammen und bietet so einen guten Einblick in die Erforschung der Solaris. Schnell wird deutlich, dass der solarische Ozean ein eigenständiges Wesen zu sein scheint, das immer mehr Rätsel aufgibt. Kelvin und die anderen Forscher greifen zu verschiedenen Mitteln, mit den Erscheinungen zurecht zu kommen, müssen aber vor allem mit ihrer eigenen Vergangenheit kämpfen: „Über ihn werden wir kaum etwas erfahren, aber vielleicht über uns...“ Auf faszinierende Weise schafft der Autor es, die Probleme der menschlichen Philosophie in den Science-Fiction-Stoff einzubinden. Er zeigt, wie uns etwas unerklärliches nie in Ruhe lässt, wie wir es nicht ertragen können, etwas weder kontrollieren noch verstehen zu können. „Die Solaristik [...] ist die Ersatzreligion des Weltraumzeitalters, sie ist Glaube, eingehüllt in das Gewand der Wissenschaft; der Kontakt, das Ziel, dem sie entgegenstrebt, ist ebenso nebelhaft und dunkel wie die Gemeinschaft der Heiligen oder die Herabkunft des Messias.“ Das Sein und die Aktivität des Ozeans ist ohne Sinn und Zweck, er verfolgt keine Ziele, kommuniziert nicht. Kelvin kommt soweit, ihn als „zerbrechlichen Gott“ zu bezeichnen, der sich ständig entwickelt und wie ein Säugling an den Menschen seine Reflexe ausprobiert, ohne dies moralisch bewerten zu können. Schließlich verbindet sich Kelvin immer mehr mit dem Ozean, verzichtet für diese Faszination sogar auf seine alte Liebe.

(Rezensiert am: 2003-04-01)

Stanislaw Lem: Solaris. , Deutscher Taschenbuch Verlag, 1972 (1. dt. Aufl.), aktl. März 2003 (18. Aufl.), ISBN-13: 9783423101776, 8.00 €


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