Georg Braun und Franz Hogenberg, Stephan Füssel (Hrsg.):
Das Google-Earth des 16. Jahrhunderts – großartige und großformatige Städte-Kupferstiche der Edelklasse!
Von Felix Struening
Heutzutage ist es einfach. Mit Wikipedia oder Google finden wir das Wissen dieser Welt in Sekundenbruchteilen. Flexibel, anpassbar, Texte, Bilder, Videos, Satellitenaufnahmen. Durch das Internet ist die Welt kleiner als je zuvor geworden. Diese Rolle übernahmen früher Lexika und Atlanten – schwer, staubig, unhandlich. Das bekannteste Werk dürfte wohl die von 1751 bis 1765 von Diderot und d’Alembert herausgegebene „Encyclopedie“ sein, die das gesamte Wissen der Welt versammeln sollte. Aber schon 1544 erschien unter gleichem Ansinnen Sebastian Münsters berühmte „Cosmographia“. Diese wiederum dürfte wohl das Vorbild für eines der großartigsten Bücher der frühen Neuzeit gewesen sein: Das nun im Nachdruck vorliegende „Städte der Welt“ von Georg Braun und Franz Hogenberg.
Die Stadt im 15. & 16. Jahrhundert
Das Bedürfnis des Menschen, Wissen zu sammeln und zugänglich zu machen, ist eng an Forschungsreisen und Expeditionen und das daraus entstehende Gefühl etwas zu beherrschen oder zu besitzen geknüpft. Man denke etwa an die Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Columbus oder die erste Weltumsegelung Ferdinand Magellans. In der bildlichen Darstellung ging es darum, das Eroberte und Neue zu Hause zu zeigen. Deswegen waren, einhergehend mit dem Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelten Buchdruck, sogenannte Städte-Bücher weit verbreitet, die Ansichten und Landkarten der Städte der (bekannten) Welt zeigten. Bestehende Herrschaftsstrukturen änderten sich maßgeblich, man denke etwa an die politischen Schriften Niccolo Machiavellis. Die Städte befreiten sich aus der feudal-kirchlichen Herrschaft, durch die entstehende merkantile Ordnung verloren die Höfe gegenüber den Städten an Einfluss.
„Civitates orbis terrarum“
Genau in dieser Zeit erschien zwischen 1572 und 1617 in Köln das Buch „Städte der Welt“ von Georg Braun und dem Kupferstecher Franz Hogenberg unter seinem Originaltitel „Civitates orbis terrarum“. Sofort sehr erfolgreich erlebte es verschiedenste Auflagen und wurde in lateinischer, deutscher und französischer Sprache veröffentlicht. Außerdem erschienen manche Stadtansichten als Einzelblätter.
Aus heutiger Perspektive ist dieses Buch in mehrfacher Hinsicht interessant. So erschien es kurz vor dem 30-jährigen Krieg und dokumentiert Europa noch vor den damit einhergehenden immensen Verwüstungen. Innovativ war es, weil es den oben erwähnten Wandel der Städte sichtbar machte. Die Funktion als Handelsort stand im Vordergrund, bildlich dargestellt durch Waren, Fuhrwerke und Schiffe, schriftlich durch die vorwiegende Beschreibung der wirtschaftlichen Vorzüge, der Universitätsgeschichte sowie berühmter Personen (in antiken Städtebeschreibungen finden sich hingegen vor allem Schilderungen der Architektur). Auch die Gerichtsbarkeit der Städte wurde durch die vorgelagerten Galgen verdeutlicht. Interessant ist der verhältnismäßig geringe Umfang der damaligen Städte. Fast immer ist die geografische Einbettung auf den Abbildungen zu sehen, ob dies nun Weingärten, Felder oder das angrenzende Meer sind.
Auch aus ästhetischer Sicht markiert „Städte der Welt“ einen Wendepunkt. Erstmals löste der Kupferstich den wesentlich ungenaueren Holzschnitt ab. Möglichst präzise wurden die Städte aus verschiedensten Perspektiven dokumentiert, in manchen Fällen sogar eine Vogelperspektive rekonstruiert.
Vergessen Sie Google-Earth – wenn Sie Platz für gut sechs Kilogramm Papier haben
Der nun vorliegende Nachdruck folgt einer Original-Ausgabe in Historischen Museum Frankfurt. Die ehemals in sechs Bänden veröffentlichten 363 Tafeln mit 564 Stadtansichten sind in einem ausufernden Riesen-Band zusammengefasst. Auf über 500 Seiten findet der Leser sich in eines der spannendsten Kapitel der urbanen Geschichte zurückversetzt. Viele der Kupferstiche sind doppelseitig abgebildet, andere erheblich verkleinert, so dass dieses umfassende Werk überhaupt Platz zwischen zwei Buchdeckeln findet. Die ursprünglichen Beschreibungen Georg Brauns sind vom Herausgeber Stephan Füssel kulturhistorisch kommentiert und um Quellenhinweise erweitert.
Mag der Klick auf Google-Earth also noch so flexibel sein, mag man auch historische Ansichten beliebiger Städte schnellstens im Internet finden, das hier ist etwas Anderes. „Städte der Welt“ ist aus politisch-gesellschaftlicher, ästhetischer und Buchdruck-Historie ein Meilenstein. So etwas der Allgemeinheit wieder zugänglich zu machen, ist sehr verdienstvoll.
(Rezensiert am: 2008-12-07)
Georg Braun und Franz Hogenberg, Stephan Füssel (Hrsg.): Städte der Welt. Gesamtausgabe der kolorierten Tafeln 1572 – 1617, Taschen Verlag, 2008, ISBN-13: 9783836511254, 99.99 €
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