Thomas Kern, Patrick Köllner (Hrsg.):
Farblose Einführung in Geschichte, Politik und Wirtschaft der koreanischen Halbinsel – leider ohne wissenschaftlichen Tiefgang!
Von Claudio Bini
Die Geschichte und Entwicklung Koreas ist in jeder Hinsicht faszinierend. Gemessen an der Größe versinkt die asiatische Halbinsel im Schatten der Nachbarn Japan und China, begreift sich selbst bildlich als Garnele unter den Walen. Lage und Ausdehnung haben Korea in der Vergangenheit häufig zur strategischen Beute und zum Spielball machtpolitischer Interessen werden lassen. Dabei symbolisiert die Besetzung und Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg den historischen Tiefpunkt, von dem an Nord und Süd getrennte Wege gingen. So konnte sich das südliche Korea zum Wirtschaftswunderland emporschwingen, während der Norden noch immer im Würgegriff einer rigorosen Militärdiktatur erstarrt.
Keine fundierte Vorstellung
Ähnlich starr wirkt die unter dem Titel „Südkorea und Nordkorea“ erschienene Einführung von Patrick Köllner. Zwar dürfte die koreanische Republik für den studierten Politologen und seinen Co-Autor Thomas Kern kein Neuland sein, als wissenschaftliche Dezernenten am Institut für Asienkunde in Hamburg gehört es zu ihrem Job, sich mit der Beobachtung und Erforschung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen im asiatischen Raum zu befassen. Doch trotz des breit angelegten Blickwinkels ihrer Betrachtung gelingt Kern und Köllner an keiner Stelle der theoretisch analytische Tiefgang einer wissenschaftlichen Arbeit. Ihr Koreabuch – in Zusammenarbeit mit diversen Kollegen entstanden – eignet sich gut als Überblick, bleibt aber wichtige Erklärungen der Prozesse schuldig, die bei der Entwicklung Koreas von Bedeutung waren.
Verstopfung zwischen den Buchdeckeln
Geistlos verstopfen Kern und Köllner stattdessen die Buchseiten mit Eckdaten zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Ereignissen, als gelte es, all diese Punkt um Punkt abzuhaken. Auch formal lässt die Lektüre der Hamburger Forscher zu wünschen übrig. Auffällig hoch ist die Zahl der Rechtschreibfehler – allein fünfunddreißig schleichen sich auf den ersten sechzig Seiten ein. Von einer ähnlich schluderigen Arbeitsweise zeugt das Inhaltsverzeichnis, dessen Seitenzahlen nicht durchgehend mit denen des Buches übereinstimmen. Besonders schlimm durcheinander geraten ist das letzte Kapitel, in dem gelegentlich ein Abschnitt aus heiterem Himmel, nicht aber im Verzeichnis erscheint.
An der falschen Stelle gespart
Inhaltlich kommt für eine geschichtspolitische Einführung der asiatischen Halbinsel die Darstellung des Koreakrieges zu kurz. Gerade mal vier von über dreihundert Seiten widmen die Autoren jenem Konflikt, der von entscheidender Bedeutung für das nachhaltig gespaltene Verhältnis Koreas ist. Und auch Informationen zur Teilung, die vor fast sechzig Jahren das Schicksal des koreanischen Volks besiegelte, erschöpfen sich auf kaum mehr als zwei Seiten. Selbst für eine Einführung ist das recht dürftig. Man stelle sich eine Einführung über die Geschichte und Politik der BRD vor, die in dieser Kürze die Teilung Deutschlands, den Mauerbau und die Gründung der DDR abhandelt. So faszinierend Korea auch ist, Faszination können Kern und Köllner mit ihrem Buch nicht wecken. Denn die geht irgendwo inmitten ihrer flüchtigen Ausführungen verloren.
(Rezensiert am: 2006-12-05)
Thomas Kern, Patrick Köllner (Hrsg.): Südkorea und Nordkorea. Einführung in Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Campus, 2005, ISBN-13: 9783593377391, 29.90 €
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