Ulrich Peltzer:
Ein äußerst spannend und klug erzählter Roman, der für die Liebe ebenso Platz findet, wie für die Probleme unserer Zeit!
Von Claudia Johann
Es ist die allgegenwärtige Kontrolle, das Opfern der Demokratie und der Freiheit zugunsten des Schutzes vor vermeintlicher und – spätestens seit dem 11. September 2001 – auch real existierender Bedrohung, mit der Ulrich Peltzer den Eingang in seinen Roman findet. Aber auch eine zunehmende Radikalisierung in der Gesellschaft und ein sich formierender Widerstand. Das Aufgreifen einer gegenwärtigen Atmosphäre, der Angst vor dem Terror, der von jedem, selbst dem besten Freund, ausgehen kann. Der Autor sucht die Antworten auf die Auflösung der binären Ordnung der Welt in den Möglichkeiten einer sozialen Praxis der Gegenwart.
Bewegung und Kontrolle
Ulrich Peltzer gelingt es seinen Blick für das Alltägliche und sein Gespür für das Untergründige in der Gesellschaft in klare und schöne Literatur zu übersetzen und gibt uns ein facettenreiches Bild der gegenwärtigen Stimmung. Die verschiedenen Generationen miteinander verbindend, siedelt er seinen Roman im akademisch-intellektuellen Milieu an und zeigt sowohl die Rückkehr des Bürgerlichen, als auch das allgegenwärtige Prekariat und vor allem sich neu formierende militante Bewegungen auf: „Das es die letzten Jahre ruhiger war, hat meines Erachtens etwas mit dem Umbruch in den Generationen zu tun, einer Neudefinition der globalen Lage, von Angriffszielen und Hemmschwellen, die sie mental überwinden müssen. Bis die Einsicht militant zu werden, nicht mehr abzuweisen ist.“, lässt er die Beamten des Staatsschutz bemerken.
Protagonist Christian Eich, 36, Journalist mit Gelegenheitsjobs und Autor eines ersten Romans, wittert seinen Durchbruch in einer Story, die ihn nicht mehr loslassen will: Die ehemaligen Mitglieder der Roten Brigaden aus den 60er Jahren Italiens, die zum Teil in Frankreich ein Exil fanden und nun vor der drohenden, von Berlusconi eingeforderten, Auslieferung stehen. Über Carl, Professor für Romanistik und Kollege seines Freundes Jakob, versucht der Journalist Kontakte aufzunehmen, die ihn nach Paris führen. Ständig von Geldnöten geplagt, ohne festen Wohnsitz und Job, nimmt er einen Kredit auf, um seine Reise und Recherche zu finanzieren. Auch seine Suche entpuppt sich als ein Spiel der totalen Paranoia und Überwachung: spontane Anrufe, die ihn durch die halbe Stadt schicken, Accounts für einmalige Email-Adressen, die kurzen, konspirativen Treffen.
Dabei lernt er Nele, eine Studentin, die gerade ihre Magisterarbeit über Jean Paul schreibt, durch viele Zufallsbegegnungen kennen und lieben. Voller Wut im Bauch kämpft sie neben ihrem Studium gemeinsam mit einer politischen Gruppe gegen den globalen Kapitalismus und steht dabei, ohne es zu ahnen, schon längst unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Nur zu gut gelingt es Ulrich Peltzer die zerbrechliche Schwelle zur Militanz erahnen zu lassen: Kurz vor ihrem geplanten Austritt und während des Aufenthalts in Paris fliegt die Gruppe auf, Neles Schicksal diesbezüglich bleibt jedoch im Dunkeln.
Peltzer schreibt von Globalisierungs- und Kapitalismuskritik, vom öffentlichen Raum und Privatisierung, von Gentrifikation, aber eben auch von Liebe und von Berlin, dem Ort des Geschehens und dem Ort, welcher wie kein zweiter die gegenwärtigen Bewegungen und Strömungen in sich vereint. Die Stadt wird so zum Sinnbild für die Vielschichtigkeit des Buches, wie auch für die Manuskripte des Protagonisten: „Es handele sich um Stimmen, Stimmen aus allen Bereichen, oben, unten, die in wechselnden Tonlagen ein Alltagspanorama, Alltäglichkeiten in all ihren Facetten, entwerfen würden, wobei sich die einzelnen Geschichten durchaus überschneiden könnten.“
Auch im eigentlichen Roman geht es nicht um das platte Aneinanderreihen von Thesen und Standpunkten. Stattdessen schafft Peltzer es, die Gedanken dicht an den jeweiligen Personen entlang zu strukturieren. So stellt er unterschiedliche Perspektiven durch schnelle Schnitte und Gedankensprünge gekonnt und klug gegenüber, lässt jeden zu Wort kommen und seine Wahrheit aussprechen. Darüber hinaus zeichnet er ein Berlin, das uns den Rhythmus unserer Zeit spüren lässt – von der Einsamkeit trotz Gesellschaft, der Zerrissenheit zwischen bürgerlichen Ansprüchen und den Träumen von einem besseren Leben, fern aller ökonomischen Zwänge und von den immer wiederkehrenden Gefühlen einer Machtlosigkeit gegen die bestehenden Verhältnisse und ihre Entwicklungen.
So wird im Verlauf der Lektüre immer klarer, dass es weniger darum geht, Teil der Lösung zu sein, wie der Titel des Romans ankündigt, sondern vielmehr um die Frage danach, ob es überhaupt eine Lösung gibt. Die Frage nach dem, „was nötig wäre, um überhaupt etwas in Bewegung zu bringen. Perspektivisch.“ Denn: „Zeichen sind leere Zeichen, wenn sie keine Konsequenzen haben“.
(Rezensiert am: 2008-01-23)
Ulrich Peltzer: Teil der Lösung. , Ammann Verlag, 2007, ISBN-13: 9783250601135, 19.90 €
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