Martin Walser:
Nicht nur ein interessanter Roman, sondern Walsers großartige Kritik an der Kritik!
Von Felix Struening
Eigentlich will der Ich-Erzähler des Buches, Michael Landolf, seines Zeichens Schriftsteller und Historiker, ein Buch über die Selbstfindung des Ich in der deutschen Geistesgeschichte schreiben. Er wird jedoch von den aktuellen Geschehnissen abgehalten und erzählt diese in dem vorliegendem Roman. So wirkt der Text auch oft wie aufdeckender Journalismus und nicht wie ein Roman: Ein Schriftstellerfreund von Michael Landolf, Hans Lach, soll den berühmt-berüchtigten Literaturkritiker André Ehrl-König getötet haben. Während Hans Lach in Untersuchungshaft sitzt, versucht Michael Landolf durch Recherchen im Umfeld des Kritikers und des Schriftstellers dessen Unschuld zu beweisen. Irgendwann gesteht Hans Lach den Mord und wird in eine psychiatrische Anstalt überwiesen. Kurz darauf gibt auch noch die Frau des Kritikers Ehrl-König an, ihren Mann getötet zu haben. Schließlich erscheint letzterer wieder und gibt zu, sich nur versteckt zu haben. Er hat den Medienrummel um seinen vermeintlichen Mord nur als weitere Selbstinszenierung genossen. Zu guter letzt stellt sich heraus, dass Hans Lach und der Ich-Erzähler Michael Landolf eine Person sind. Martin Walser entwirft ein Bild der deutschen Literaturszene, wie es nur von einem kritischen Insider geschehen kann. Dabei vermischen sich fiktive und reale Personen und Institutionen der heutigen Medienlandschaft. Intrigen und Verflechtungen werden aufgezeigt und gleichzeitig karikiert. Durch wörtliche Rede, die nicht in Anführungszeichen gesetzt ist, verleiht der Autor dem Text eine Authentizität, die durch Details besticht. Die Gefühle der Personen bieten sich der Vorstellung des Lesers so offen an, wie z. B. die Personenbeschreibungen bei Karl May. Martin Walser kritisiert aber nicht nur die deutsche Literaturszene, sondern vor allem die Überheblichkeit des Kritikers gegenüber den Schriftstellern. Besonders die absurde Einteilung in gute und schlechte Bücher, ohne eine Chance auf Kompromisse, scheint dem Autor zu widerstreben. Während der Kritiker Ehrl-König sich immer als selbstlos der Literatur dienend darstellt, beschreiben ihn die zu Wort kommenden Schriftsteller als einen egozentrischen Machtsüchtigen, der seine Auftritte durchdacht und kalt inszeniert. Damit verwehrt Walser der Kritik an der Literatur jeglichen künstlerischen Anspruch und stellt klar, dass für ihn nicht Lob, sondern Zustimmung das Gegenteil von Kritik sei. Denn sowohl Lob als auch Kritik beinhalten die Anmaßung, andere bewerten zu können, also besser zu sein. Walser zieht stattdessen Goethe zu Rate: „Wer mich nicht liebt, darf mich auch nicht beurteilen.“ und rüstet mit allen Mitteln der schriftlichen Rhetorik zum Gegenschlag. Das mit dem Kritiker André Ehrl-König Reich Ranicki gemeint ist, kann man nicht übersehen. Sowohl das Gebaren, als auch z. B. der leicht imitierbare Sprachfehler sind ausreichende Indizien. Das die Angriffe im Buch gegen den Juden Reich Ranicki gehen, ist jedoch völlig übertrieben. Zwar werden immer wieder einige Anspielungen zu diesem Thema gemacht, der Autor setzt sich mit diesen aber im Laufe des Romans immer wieder gründlich auseinander. Stattdessen richtet sich die Kritik eher allgemein gegen die Literaturkritik und findet in Ehrl-König nur eine Personifizierung. Genauso wie im Roman der beschuldigte Schriftsteller Hans Lach immer wieder durch die Textstellen eines seiner Romane beschuldigt wird, ist es überzogen Martin Walser aufgrund dieses Romans als Antisemiten darzustellen. Wenn es eine literarische Abrechnung mit Reich Ranicki sein soll, dann ist sie durch Anwendung aller rhetorischen Künste großartig gelungen.
(Rezensiert am: 2003-01-01)
Martin Walser: Tod eines Kritikers. , Suhrkamp, Jun 02, ISBN-13: 9783518413784, 19.00 €
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