Tommy Jaud:

Vollidiot

Tommy Jauds Geschichte über das Scheitern eines ungewöhnlich beknackten Solisten, der Frauen gern mehr liebt als alles andere!

Von Claudio Bini

Richtig, es gibt in unserer Welt Männer und es gibt Vollidioten. Wem auf den ersten Blick der generelle Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen Mann nicht recht deutlich werden will, dem könnte Tommy Jauds Geschichte um einen verkappten, alleinstehenden Lebenskünstler womöglich auf die Sprünge helfen. Denn sie zeigt auf eindringliche Weise, wie fatal sich jugendlicher Übermut und Wahnsinn verketten können, wenn Mann wieder auf Teufel komm raus die unbenutzte Seite seines Doppelbetts belegt haben will. „Vielleicht hatte ich ja doch zu lange keinen Sex mehr. Ich sollte ausgehen, ein nettes Mädel kennen lernen und eine Familie gründen. Am besten noch heute Abend.“

Missgeschick hoch Solo gleich Vollidiot

Womit der Titel des Buchs auch schon weitgehend erklärt wäre. Denn wer so hoffnungslos pleite, erfolglos bei Frauen, und chronisch vom Pech verfolgt ist, wie Protagonist und Antiheld Simon, der kann mit Fug und Recht als Idiot bezeichnet werden. Und voll ist dieser Strohkopf noch obendrein. Mit Sex, Flausen und sinnlos gespeicherten Zahlen aus dem Ikeakatalog. So jagt Simon zielstrebig von einer Katastrophe in die andere, von einem Saufgelage ins nächste Delirium. Immer auf der Suche nach der ultimativen Herzblattkandidatin, immer wieder siegessicher, immer wieder vergeblich. Ein Teufelskreis. Das Glück ist wahrlich nicht auf seiner Seite. Zu allem Überfluss verhält er sich beziehungstechnisch so unverträglich zum weiblichen Geschlecht wie der Elefant zum Porzellanladen. Seine leicht grobmotorische Denkweise lässt ihn in den meisten Situationen eher unangenehm anecken als punkten. Anstatt daran aber etwas zu ändern, zerbricht er sich höchstens den Kopf über „die nymphomane Taxifahrerin“, oder „wie viele Bonusmeilen man eigentlich kriegt, wenn man eine Stewardess vögelt.“ Von solch postpubertären Träumereien geblendet und von den erzieherischen Maßnahmen seiner besorgten Umwelt verunsichert, stolpert der leichtsinnige Draufgänger über die alltäglichen Hürden des eigenen Glücks. Tollpatschig und praktisch hilflos schlittert er durch die selbst ernannten Singlephasen seines nicht vorhandenen Liebeslebens, philosophiert tagträumend über neue Werbeslogans und ist als knapp Dreißigjähriger, dem guten Willen zum Trotz, vom Erwachsenwerden leider so weit entfernt wie ein Säugling von der Einschulung. Mit seinen ungebremsten Eskapaden schlägt das querköpfige Stehaufmännchen im Kreuz und quer der urbanen Kölner Singlebörse solange seine frivolen Purzelbäume, bis es allmählich den Boden unter den Füssen verliert. Als ihn dann auch noch seine dickfellige Putzfrau hinterrücks verkuppeln will, steht endgültig fest, dass es so nicht weitergehen kann.

Der erste Annährungsversuch

Tommy Jaud ist mit seinem Romandebüt eine äußerst amüsante Charakteristik des männlichen Großstadtsingles gelungen. Der in Köln lebende freie Autor erfreut vor allem mit seiner herrlich unbekümmerten Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen. „Ich komme mir nackt und unsicher vor, als ich mich mit meinem Handtuch auf die Suche nach Paula mache. Das hat zwei Gründe. Ich BIN nackt und unsicher.“ Auch wenn Jauds Story stellenweise realitätsfern wirkt, überzeugt sie dennoch als selbstironische Lachnummer über die psychologischen Abgründe und alltäglichen Probleme der Generation Golf im gnadenlosen Krampf des Junggesellendaseins. Der erfrischend freche Unterton steckt nicht nur an, sondern setzt sich auch lockerflockig über beklemmende Erektionsprobleme, Samenstau, oder Anti-Amerikanismus hinweg. So suggeriert Jauds Volltölpel schließlich auch, dass es einem selbst doch ganz gut geht.

(Rezensiert am: 2004-10-17)

Tommy Jaud: Vollidiot. , Argon Verlag, Juli 2004, ISBN-13: 9783870247515, 12.90 €


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