Friedericke Weltzien:

Warum musstest du sterben, Fidaa?

Zwischen Gottes Dienst und Ehrenmord - Ein Bericht aus Beirut

Lebenswege von Frauen im Libanon – das beeindruckende Bild einer Gesellschaft zwischen Ehrenmord und Moderne!

Von Marie Hofer

Der Libanon galt einst als das Vorzeigeland des Nahen Ostens, die wirtschaftliche und politische Öffnung hatten das Land scheinbar dem europäischen Fortschritt nahegebracht. Doch mit dem Bürgerkrieg ab Mitte der 1970er Jahre wurde das Land in die Barbarei zurückgeworfen. Friederike Weltzien, die in der deutschen Gemeinde Beirut arbeitet, hat nun einen Bericht über die libanesische Gesellschaft geschrieben, die den Sprung in die Moderne einfach nicht geschafft hat und in der Verbrechen wie Ehrenmord, Zwangsheiraten und Kindesentführung auf der Tagesordnung stehen.

Das Buch ist dabei von dem beeindruckenden Mut einer Frau gezeichnet, die trotz Zerstörung, Krieg und der ständigen Bedrohung neuer Unglücke, sich im Libanon zu Hause fühlt und ihren ganzen Alltag der christlichen Nächstenliebe gemäß gestaltet. Wenn man von den vielen Passagen absieht, in denen der Gemeindealltag und die Religiosität der Autorin im Vordergrund stehen, dann ist „Warum musstest Du sterben, Fidaa?“ vor allem ein Beispiel für Unerschütterlichkeit.

Ein Strom von Gedanken…

Das Buch ist in mehrere Teile gegliedert, welche einzelne Geschichten als kleine Kapitel noch einmal herausgreifen. Die persönlichen Erfahrungen, die Schilderungen von Frauenschicksalen, die Berichte aus den Kriegswirren im Libanon, die Beschreibungen des Alltags innerhalb der Kirchengemeinde und die Erzählung der ganz eigenen Geschichte der Autorin wechseln sich relativ willkürlich ab. Es handelt sich also weder um eine Autobiografie, noch um reine Erfahrungsberichte oder einen politischen Report. Stattdessen verbindet Weltzien alles in einem Strom von Gedanken, der beinahe tagebuchartig wirkt.

Vor dem Bürgerkrieg

Friederike Weltzien wuchs mit ihrer Familie in den 60er/70er Jahren im Libanon auf. Als Tochter eines Universitätsprofessors lernte sie den Libanon vor dem Bürgerkrieg als das „Paris des Nahen Ostens“ kennen. Viele Europäer waren damals in dem Land am Mittelmeer und es herrschte eine für den Nahen Osten sehr moderne Lebensweise. „So lernten wir dieses Land zu lieben, seine Gerüche, seine Farben, seine Menschen, seine Früchte, seine Landschaften.“ Doch wenig später wurde der Libanon vom langjährigen und blutigen Bürgerkrieg heimgesucht und das Land veränderte sich vollkommen. Noch vor dem Ausbruch offener Gefechte zog die Familie wieder nach Deutschland. Erst Jahre später übernahm die Autorin mit ihrem Mann zusammen die Leitung der deutschen Gemeinde in Beirut und kehrt in das Land ihrer Kindheit zurück.

Brücke zwischen West und Ost

„Ich habe die Leere erlebt“, schreibt Weltzien und sagt, dass es ihr heute „wie ein Schlüssel vorkommt für das Chaos im Libanon.“ Auf der einen Seite müssen alte Werte aufgegeben werden, um die Moderne zuzulassen, doch auch im Westen ist der Libanon nicht angekommen. Dazwischen gibt es nicht viel woran man sich halten, was man sein eigen nennen kann.

Vor allem nach der Zeit des Bürgerkrieges scheint es für diese Leere nur extreme Lösungen zu geben. Die Rückwärtsentwicklung, die das Land politisch und gesellschaftlich erfahren musste, ist ein deutliches Zeichen dafür.

Fidaa

Die Geschichte von Fidaa ist der Aufhänger des ganzen Buches und demnach auch der Arbeit dieser mutigen Pfarrerin. Der zufluchtssuchenden, erst 17 jährigen Fidaa, kann die deutsche Gemeinde keinen dauerhaften und gesicherten Schutz bieten. Drei Monate nach der ersten Begegnung sind Fidaa und ihre Mutter tot. Dies ist der einzige Ehrenmord, von dem die Autorin aus ihrem direkten Umfeld heraus berichtet. Doch das Entsetzen darüber sitzt so tief, dass die Pfarrerin anfängt in Beirut ein Netzwerk von Helfern zu entwickeln, das betroffenen Frauen Unterstützung bietet.

Das Netzwerk

In der Folge arbeitet die deutsche Gemeinde in Beirut mit einer Frauenrechtsorganisation, mit einem schiitischen Scheich, einem Gefängnisseelsorger und mit dem Sozialausschuss zusammen. Dabei ist der enorme Einsatz der Christen verschiedener Konfessionen im Libanon hervorzuheben. In den jeweiligen Gemeinden werden die Frauen aufgefangen und Klöster in den Bergen bieten oft für längere Zeit Schutz.

Die Autorin liefert mit diesem Buch einen Bericht über Arbeit mit den Schicksalen im Libanon und wie auf ganz unterschiedliche Weise den Frauen und Familien geholfen werden kann. Es kommt nicht immer dazu, die Frauen zu isolieren oder neue Identitäten zu beschaffen, sondern es geht auch um Versöhnungen und Einigungen innerhalb der Familien. Nicht immer helfen oder greifen dabei rechtsstaatliche Mechanismen, stattdessen werden auch individuelle Kompromisse innerhalb der traditionellen Stammeskulturen und islamischen Denkweise gesucht.

Ein Vorbild – nur für den Libanon

Es ist wirklich eindrucksvoll, wie dieses Netzwerk mit seinen unterschiedlichen Perspektiven, sozial, politisch und religiös gesehen, es immer wieder schafft, für scheinbar hoffnungslose Situationen Wege zu finden. Doch kann dieses Vorbild nur für dem Libanon vergleichbare Länder gelten, denn es muss eine gewisse gesellschaftliche Erfahrung der Moderne vorhanden sein, damit ein wenig Öffnung und Verhandlung möglich sind. Viele islamische Länder sehen sich hingegen einer steigenden Islamisierung ausgesetzt.

Für Deutschland und Europa ist dieses für den Libanon so eindrucksvolle Konzept allerdings keinesfalls zu übernehmen, auch wenn wir mittlerweile durch die Migration vieler aus dem Nahen Osten die gleichen Probleme haben, Verbrechen wie Ehrenmord, Zwangsheiraten und Kindesentführung. Da unsere Gesellschaften aber bereits Grund- und Menschenrechte in der Verfassung verankert und einen gut funktionierenden Rechtsstaat haben, brauchen wir keine Kompromisse und sollten sie unserer eigenen Freiheit willen auch nicht versuchen. Doch für Länder wie den Libanon können solche Schritte ein Hoffnungsschimmer sein, auf dem Weg für ein Leben als Frau mit Selbstbestimmung und gleichen Rechten.

Als Christ zwischen Muslimen

Obwohl Weltzien viele Jahre ihrer Kindheit im Libanon verbracht hat und später viel Kontakt mit Schicksalen von muslimischen Frauen hatte, zeichnet sie ein schwammiges Bild von den Unterschieden zu ihrer Religion. Sie hält immer wieder fest, dass das Phänomen der Zwangsheirat und des Ehrenmordes kein speziell muslimisches sei, sondern auch unter den Christen im Land vorkäme. Die Autorin zeichnet außerdem ein romantisches Bild von dem, was sie nicht wirklich kennt, der Unterschicht der libanesischen Gesellschaft. Die Frauen, die in die deutsche Gemeinde kommen und von deren Schicksalen hier berichtet wird, sind meist Frauen mit westlichem Hintergrund oder zumindest können sie die Sprache, haben eine Zeit in Deutschland oder der Schweiz gelebt. Doch was ist mit denen, die nicht mal wissen, dass es Hilfe geben kann?

Auch deutet Weltzien die islamische Verschleierung der Frauen mit Würde und die strenge Kontrolle der Jungfräulichkeit der Mädchen mit Wertschätzung. Leider reicht ihr Einfühlungsvermögen an dieser Stelle nicht, um zu sehen, wie unfrei, eingesperrt und teilweise sklavenhaft die Frauen mit dieser „Würde und Wertschätzung“ leben müssen.

(Rezensiert am: 2009-04-05)

Friedericke Weltzien: Warum musstest du sterben, Fidaa?. Zwischen Gottes Dienst und Ehrenmord - Ein Bericht aus Beirut, Herder Verlag, 2008, ISBN-13: 9783451295980, 19.95 €


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