Ayse Önal:

Warum tötet ihr?

Ehrenmorde in der Türkei

Ein zutiefst erschütterndes Buch über die Brutalität einer Gesellschaft und die mutige Frage nach dem Warum!

Von Marie Hofer

Spätestens seit dem Mord an Hatun Sürücü im Februar 2005 wird der Begriff des Ehrenmords auch in Deutschland viel diskutiert. Die Türkin wurde mitten in Berlin von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen, weil sie sich von ihrer Familie abgewendet hatte, um ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Da diese Verbrechen hier nahezu ausschließlich in muslimischen Migrantenkreisen geschehen und diese vorwiegend aus der Türkei stammen, stellt sich die Frage nach den Ursprüngen und Traditionen im Land am Bosporus.

Die türkische Reporterin Ayse Önal reiste quer durch ihr Land, führte Interviews mit gefangenen Ehrenmördern, sprach mit den Familien, Freunden, Nachbarn und Bekannten der Frauen, von deren Schicksalen sie hier berichtet. Sie verwendet dabei teilweise die Romanform und schafft es somit ein ganzheitlicheres Bild der Geschehnisse und vor allem der Mentalität ihres Landes zu geben. An einigen Stellen sind die Namen der Betroffenen oder die Orte verändert, manchmal, so scheint es, auch winzige Details hinzugefügt. Leider erklärt die Autorin ihre Vorgehensweise erst im Nachwort, was dazu führt, dass dem Leser die Geschichten eher fiktiv erscheinen. Jedoch ist dieses Buch eine Sammlung authentischer Berichte, die ein Zeichen für eine ganze Gesellschaft sind.

Türkei

Seit dem Ankara-Abkommen von 1963 verhandelt die Europäische Union mit der Türkei, einem Land, dem eine frauenunterdrückende Gesellschafft zu Grunde liegt. Seit drei Jahren konkretisieren sich diese Gespräche zu Beitrittsverhandlungen, was unter anderem die verschärfte Gesetzgebung bei Ehrenmorden zur Folge hatte. Doch zwischen 2000 und 2005 mussten 1806 Frauen sterben, über 5300 Frauen wurden von deren Familien in den Selbstmord getrieben, um den Strafen für Ehrenmörder zu entgehen und weit mehr Fälle liegen im Dunklen. Die Autorin fragte einen der Häftlinge, wie mit dieser Tradition gebrochen werden könne und er antwortete: „Solange die Mentalität sich nicht ändert, werden diese Dinge weitergehen, ganz egal, wie schwer die Strafen sein mögen, und das neue Strafrecht sieht wirklich sehr schwere Strafen vor.“

Gesellschaft

Wenn in Deutschland die brutale Gewalt an Frauen in muslimischen Migrantenfamilien bekannt wird, kategorisieren es Justiz, Politiker und Medien oft als „häusliche Gewalt“. Doch wie die Geschichten, die Ayse Önal aufgeschrieben hat, zeigen, ist es weit mehr als das, es handelt sich um soziale Gewalt. Doch sie wird in keinem Fall stigmatisiert oder gesellschaftlich angemessen sanktioniert, stattdessen wird darüber geschwiegen und den armen Männern, die ihre Frauen schlagen und ihre Töchter töten, ermunternd auf die Schulter geklopft. „Als Mehmet Sait sich auf der nächsten Polizeistation stellte, behandelten ihn die Beamten dort sehr freundlich. Sie sagten er sein Opfer des Schicksals.“

Die Autorin schreibt aber nicht nur über Gewalt, sie schreibt auch über ihr Land. In vielen Familien besonders in Süd- und Ostanatolien ist Bildung nicht weit verbreitet. „Weder ihre Söhne noch ihre Töchter hatten irgendeine Art von Ausbildung erhalten. Den Koran konnten sie allerdings alle rezitieren.“ Die Bilder von türkischen Frauen mit tiefen Ausschnitten und an den Universitäten, welche von zahlreichen Frauen besucht werden, von Straßen in denen eine freiheitliche Kultur zu blühen scheint, sind wohl eher Aufnahmen von Ausnahmen. Istanbul ist nicht die Türkei.

Glaube

Ist es nun die Kultur der muslimischen und eben auch türkischen Gesellschaft, welche die Familien zersplittert, die Frauen unterdrückt und viele namenlose Tote zurücklässt? Oder ist es die, diesem System zu Grunde liegende Religion? Für die Autorin scheinen Gesellschaft und Tradition schuld zu sein. Bei einem Mörder versuchte sie die Gründe dafür zu finden, warum der Glaube an Gott ihn nicht vor dieser schrecklichen Tat bewahrt hat und er sagte: „Wer zutiefst bedrückt ist, dem ist die Meinung der anderen wichtiger als der Glaube.“ Doch wie entsteht diese Meinung der anderen? Woher kommt dieses archaische und völlig überkommene Gesellschaftsbild, welches diese Morde verlangt? Warum gibt es kein muslimisches Land, das diese Ehrenmorde verbietet?

Gründe

„Bei Ehrenmorden geht es jedoch weniger um Ehre, als vielmehr um iffet. Iffet ist ein arabischer Begriff, den man mit sexuelle Moral der Frauen übersetzen kann.“ Es wird ehrengemordet, weil Töchter aus ihrem brutalen Elternhaus verschwinden, weil Schwestern studieren wollen oder weil Frauen sich in einen Mann verliebt oder ihn gar nur in die Augen gesehen haben, nicht weil sie stehlen oder sich gesetzeswidrig verhalten. „In Nevzats Akte stand, er habe seine Tochter erschossen, weil sie mit ihrem Freund telefoniert hatte. Und seine Frau, weil sie diese Gespräche gestattet habe.“

Schweigen

Doch auch wenn ein Mädchen vergewaltigt wurde, oft durch nahe Familienmitglieder und dadurch ihr Jungfräulichkeit verloren hat, muss sie sterben. Einem „befleckten“ Mädchen gebührt kein Trost, nur Gewalt und Tod. „Das Thema Missbrauch war ein Tabu in der Familie und Nachbarschaft. Als hätte jedermann einen Eid geschworen, für immer zu schweigen.“

Nachbarn

Die Männer, die Önal interviewte, berichteten oft von unendlich viel Druck durch die Nachbarn und Familie, wenn die Verletzung der Ehre bekannt wurde. „Jetzt liegt es an dir. Doch wenn du nicht bald handelst, können wir dich nicht mehr unterstützen. Wir können diese Schmach nicht länger hinnehmen.“ Doch sie sind es nicht, die später die Verantwortung dafür tragen. Die Einsamkeit und Schuldgefühle, die einige im Gefängnis umtreibt, bleiben ungetröstet.

Schuld

Mann kann aber schlecht die Nachbarn, die ganzen Familien oder Clans verhaften oder gar alle Türken einsperren und bestrafen, das nimmt nur der Mörder auf sich. Doch wer ist schuld, dass diese Gewalt so verbreitet ist? Ein Häftling antwortet auf die Frage: „Die Leute, die das nicht tun, die unsere Frauen anstiften, mit unseren Gebräuchen zu brechen, die sind die eigentlichen Mörder. Die wahren Mörder sind jene, die sich selbst modern nennen.“ Oder sind es sogar die Frauen, die sich dazu anstiften lassen frei zu denken, sind die Opfer die eigentlichen Täter? „Gelegentlich wurde er wütend auf die tote Frau vor ihm, weil sie ihn gezwungen hatte, sie zu töten.“

Diese Gedanken der Menschen zu lesen lässt einen Westler schaudern und der Zorn der aus all dieser altertümlichen Verhaftung an den Glauben erwächst, macht Angst. Leider ist es nicht nur die Türkei und die Menschen dort, die sich gegen die Moderne wehren, sondern es sind besonders auch unsere westlichen Gesellschaften, die diesen Taten in mitten ihren Reihen tatenlos zusehen.

Reue

Ayse Önals Berührung, vor allem auch von den Schicksalen der Männer und deren Reue ist, was das Buch trägt. Sie zeigt in den meisten Fällen eine tiefe Verletzung auf, die bis dahin reicht, dass die Männer vor den Kameras zu weinen beginnen. Ein Mörder sagte: „Sie sterben mit dem Menschen den sie töten. Dieser Mensch wird jeden Abend, wenn sie zu Bett gehen, vor Ihrem inneren Auge erscheinen. Das ist die ewige Strafe.“ Es ist wohl eher Wunschdenken, als Realität zu glauben, dass diese Berichte andere Brüder, Väter und Ehemänner davon abhalten die gleiche Schuld auf sich zu laden. Denn gleichzeitig wird deutlich, dass diese Reue nicht zwangsläufig eintritt, oft genug berichtet die Journalistin auch von einer völligen Schamlosigkeit, welche im Kern den menschenverachtenden Charakter dieser Kultur zeigt. „Statt sie zu töten und dann selbst im Gefängnis zu leiden, hätte er ihnen in die Beine schießen sollen, so dass sie den Rest ihres Lebens als verdammte Invaliden hätten zubringen müssen.“

Enttäuschung

Die Autorin meint, dass Männer nicht weniger leiden, als die misshandelten und getöteten Frauen. Sie schafft es, sich so weit in die Mörder einzufühlen, dass die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmt. „Nie wieder habe ich soviel Kummer und Leid bei einem einzigen Menschen gesehen“, schreibt sie über einen Häftling und gebührt somit den Menschen die Aufmerksamkeit, die ohnehin schon durch die Gesellschaft privilegiert sind, denjenigen, die nicht täglich verprügelt werden, denjenigen, die viel freier und selbstbestimmter sind, den Männern. Den Frauen bleibt nichts als Enttäuschung.

Freiheit

Die Frage nach dem was Freiheit bedeutet, muss für Frauen und Männer einer muslimischen Gesellschaft unterschiedlich beantwortet werden. Das, was für Frauen aus Deutschland selbstverständlich ist, das, was wir vor unsere eigentliche Definition von Freiheit im Sinne von Demokratie und freier Meinungsäußerung stellen, ist der Kern, von dem muslimische Frauen träumen. Eine der interviewten Frauen fasst diese Vorstellung treffend zusammen: „Wahre Freiheit heißt, nicht geschlagen zu werden, am eigenen Bruder vorbeigehen zu können, ohne eine Ohrfeige erwarten zu müssen; an der eigenen Schwägerin vorbeigehen zu können, ohne sich auf Schläge gefasst zu machen; zu wissen, dass der eigene Vater einen nicht schlagen wird. In anderen Worten: wie ein Mensch behandelt zu werden. Nur deshalb laufen wir weg. Mädchen hauen nicht wegen ihrer Ehemänner ab. Sie laufen weg, um ihrer Freiheit willen.“

Zu Anfang des Buches betrachtet die Autorin eine scheinbar hoffnungsvolle Geschichte von einer Frau, der es gelingt dem Tod zu entkommen und der frauenunterdrückenden Gesellschaft zu entfliehen. „Doch die meisten von ihnen führen dasselbe Leben, vor dem sie weggelaufen sind, dann im Haus ihres Ehemannes. Es ist eine Tragödie. Sie riskieren ihr Leben, um in die Freiheit zu entkommen, doch selbst wenn sie dem Tod entkommen, sind sie häufig zu ebenjener Sklaverei verdammt, der sie hatten entfliehen wollen.“

(Rezensiert am: 2008-10-31)

Ayse Önal: Warum tötet ihr?. Ehrenmorde in der Türkei, Droemer, 2008, ISBN-13: 9783426274736, 18.95 €


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