Jorge Semprún, Dominique de Villepin:

Was es heißt, Europäer zu sein

Die Spezies Europäer wird untersucht – interessant, lehrreich und etwas verschwommen!

Von Felix Struening

„Über seine Form mag man debattieren, seine Leistungsfähigkeit mag man bezweifeln, aber niemand käme noch auf den Gedanken, das Prinzip an sich in Frage zu stellen.“

Kann man Europa bestimmen? Geografisch? Geistig? Religiös? Kulturell? Politisch? Auf ihrer essayistischen Reise versuchen die beiden Autoren Antworten zu geben. Und so ist ihr Europäer denn auch selbst ein Reisender. Einer, der ständig zwischen Abschottung und Erweiterung pendelt. Einer, der sich nur eine Beschränkung setzt: „Die einzige Grenze, die uns schützt, besteht in unseren gemeinsamen Werten.“

Nachkriegszeit, Deutsche Wiedervereinigung und Osterweiterung

Dieses Europa ist also ein Raum übereinstimmender kultureller Vorstellungen. Doch wie kam es zustande, im Westen nur durch den Atlantik begrenzt, im Osten offen und beständig zu erweitern? Nach kürzeren Ausflügen in die letzten Jahrhunderte wenden die beiden Autoren sich der Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg und dem ersten dauerhaften Frieden in Europa zu. Als Schlüsselerlebnis sehen sie vor allem die deutsche Wiedervereinigung und den Zusammenbruch des Ostblocks. Die EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 sei eigentlich nicht Erweiterung, stattdessen Wiedervereinigung gewesen.

Die Türkeifrage

Natürlich darf auch die Frage eines EU-Beitritts der Türkei nicht ausgeklammert werden. Hier wollen die Autoren eine Aufnahme nicht von der Religion abhängig machen, sondern von der Anerkennung der europäischen Werte. Das mit dem Islam und der nur scheinbaren Säkularität der Türkei genau diese Werte und die von Dominique de Villepin angenommene europäische Trennung von Staat und Kirche gefährdet ist, wird unterschlagen. Zwar werden bei Neuaufnahmen Bürgerreferenden nach französischem Modell vorgeschlagen und vorerst eine Konsolidierung der EU empfohlen. Es wird aber übersehen, dass Europa nur helfen kann, wenn es selbst stark ist und problematische Länder außen vor lässt.

„Die Lösung ist Europa“

In Europa sehen Jorge Semprún und Dominique de Villepin die Chance für alle Beteiligten, aber auch für andere Länder. So müsse die außenpolitische Verantwortung der EU verstärkt wahrgenommen und eine gemeinsame Verfassung schleunigst installiert werden. Immer wieder betonen die beiden Autoren, wie weltweit einmalig die Möglichkeit eines gemeinsamen Europas ist und weisen darauf hin, dies nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Linker vs. Gaullist?

Wie kommt es jedoch, dass zwei aus so verschiedenen Positionen heraus argumentierende Autoren zusammen ein Buch schreiben? Jorge Semprún war Mitglied der spanischen Exil-KP zur Zeit des Franco-Regimes und koordinierte den Widerstand. Seine Kritik am Stalinismus war jedoch selbst seinen Parteigenossen zu links und er schied 1964 aus der KP aus. Er machte die Erfahrung des KZ Buchenwald und des stalinistischen Terrors. Von 1988 bis 1991 spanischer Kulturminister, ist er unter anderem Träger des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Auf der anderen Seite schreibt der amtierende französische Premierminister Dominique de Villepin, der sich selbst als glühenden Gaullisten bezeichnet. Seine vorwiegend französische Position wird immer wieder ersichtlich, vom Bild Frankreichs als dem Land der EU schlechthin kann er sich nicht wirklich trennen. Generell wirkt die Sprache der beiden oft etwas aufgesetzt und das allzu häufige Zitieren philosophischer und literarischer Größen Europas zeugt zwar von Belesenheit, verwirrt aber gelegentlich. Insgesamt bleibt ihr Bild des Europäers bzw. Europas dann auch verschwommen, ja fast schwammig. Aber vielleicht liegt das ja in der paradoxen Eigennatur.

(Rezensiert am: 2006-06-20)

Jorge Semprún, Dominique de Villepin: Was es heißt, Europäer zu sein. , Murmann Verlag, 2006, ISBN-13: 9783938017487, 24.90 €


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