David Priestland:
Zwei Jahrhunderte Leid – eine vermeintlich gerechtere Gesellschaftordnung und ihre Millionen Opfer!
Von Klaus-Jürgen Bremm
Um es gleich vorweg zu sagen: Der Oxforder Historiker David Priestland hat mit seiner Weltgeschichte des Kommunismus ein beeindruckendes Panorama einer politischen Bewegung geschaffen, die Europa und die Welt für zwei Jahrhunderte in Atem hielt. Die Idee einer grundlegend neuen und gerechteren Gesellschaftsordnung hatte sich erstmals während der Revolution in Frankreich für kurze Zeit politisch Bahn gebrochen. Es war dabei durchaus kein Zufall, dass der erste Auftritt des Kommunismus auf der weltpolitischen Bühne mit der berüchtigten Phase des Terrors zusammenfiel. „Seien wir schrecklich, damit das Volk nicht schrecklich sein muss“, verkündete Jacques Danton aphoristisch anlässlich der Inauguration des Pariser Revolutionstribunals. Für Priestland steht jedoch fest: Der Kommunismus mit allen seinen Facetten bis hin zur genozidalen Barbarei ist ebenso ein Kind der europäischen Aufklärung, wie der hoch gelobte Humanismus der Menschenrechte.
Paris – Berlin – Moskau
Während seiner ganzen langen Geschichte schwankten der Kommunismus und seine Protagonisten zwischen dem romantischen Bestreben, befreit von allen bisherigen Traditionen eine gerechte und harmonische Gesellschaft aufzubauen und dem prometheischen Projekt, die oft resistente Mehrheit der betroffenen Bevölkerungen mit brutaler Gewalt in ein modernes und technisiertes Kollektiv zu transformieren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wanderte das Zentrum der Bewegung allmählich nach Osten, wechselte von Paris nach Berlin und schließlich nach Moskau. Dass der Kommunismus ausgerechnet die Nachfolge der zaristischen Autokratie antreten konnte, war nach Priestlands Einschätzung eher ein Zufall, auch wenn er den Zarismus wie das vorrevolutionäre Frankreich als „Ancien Regime“ bezeichnet. Andere Entwicklungen in Russland seien gleichwohl denkbar gewesen.
Sowjetunion und Rot-China – Großreiche des Kommunismus
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der rotchinesischen Revolution beherrschten Kommunisten bereits ein Drittel der Menschheit und selbst in einigen westeuropäischen Demokratien, so etwa in Italien und Frankreich, gab es starke kommunistische Parteien. Im Zentrum des Buches steht fraglos die Sowjetunion, von deren Führern es insbesondere Stalin gelungen war, dem Kommunismus eine nationalistische Ausprägung zu vermitteln. Genau das verlieh ihm später unter den antikolonialen Befreiungsbewegungen in der so genannten Dritten Welt eine erhebliche Anziehungskraft, führte aber unweigerlich spätestens in den 1980er zu einer Überdehnung des Roten Imperiums, das selbst durch die üppig sprudelnden Öleinnahmen Moskaus nicht mehr finanzierbar war. Schon vor Michael Gorbachev, dem letzten Generalsekretär der KPDSU, empfand die Moskauer Führung ihr zusammen gewürfeltes Imperium, besonders aber ihre europäischen Satelliten, nur noch als ökonomische Belastung. Das einst von Nikita Chrustchov so vollmundig beschworene Ziel, den konsumistischen Rückstand Russlands gegenüber den Vereinigten Staaten und Westeuropa nicht nur aufzuholen, sondern den Westen zuletzt sogar in seinem Lebensstandard zu überbieten, geriet schon in den 1970iger Jahren in immer weitere Ferne.
Der rasche politische Zusammenbruch des Sowjetkommunismus zu Beginn der 1990iger Jahre war wie andere vergleichbare Ereignisse ein multikausaler Prozess, in dem der wachsende technologische Rückstand in der Computerindustrie ebenso eine Rolle spielte wie der versteinerte Bürokratismus der Parteieliten oder die schier unglaubliche Ressourcenverschwendung in einer hoffnungslos überforderten Planwirtschaft. Gorbachevs verzweifelter Versuch, den Kommunismus zu retten, indem er die Macht der Partei einschränkte, beschleunigte letztlich nur den sich abzeichnenden Zerfall, denn trotz ihrer unbestreitbaren Mängel war sie doch die einzige verbliebene Klammer des Systems.
Das totalitäre Erbe ging an den politischen Islam
Der Kommunismus als mächtige weltumspannende Bewegung gehört seit den 1990er Jahren unwiederbringlich der Vergangenheit an, auch wenn der Volksrepublik China dank eines einzigartigen politischen Spagats inzwischen weltweit die höchsten ökonomischen Wachstumsraten aufweist. Das totalitäre Erbe des Kommunismus hat vorerst der politische Islam angetreten, dessen religiöse Rhetorik, wie das Beispiel des Iran zeigt, nur eine allzu leicht durchschaubare Tarnung für ein gleichermaßen kollektives und unmenschliches Lebensmodell darstellt.
Täter und Opfer – eine grausame Geschichte
Entgegen den gebetsmühlenhaft vorgetragenen Behauptungen seiner Protagonisten und Haupttheoretiker war der Kommunismus kein Phänomen, das sich im Einklang mit naturgesetzlichen Bestimmungen entwickelte. In jeder Phase seiner Geschichte bestimmte nicht eine vorgegebene Logik ihre Entwicklung, sondern das situationsbestimmte Handeln seiner Protagonisten. Auf der langen Liste von Tätern, auf die Priestland ausführlich eingeht, finden sich indes nur wenige Figuren, denen man als Leser mit Sympathie begegnen könnte. Selbst die Ikone der Linken, Ernesto Che Guevara war nur ein gewalttätiger Psychopath, von den großen Monstern der Bewegung mit ihren nach Millionen zählenden Opferlisten und ihrer ungezähmten Freude am wahllosen Terror ganz zu schweigen. Wenn es einen Anlass gibt, Priestlands Arbeit zu kritisieren, so findet er sich am ehesten hier. Die Opferseite kommt in seiner Darstellung gegenüber den Beweggründen der Täter erheblich zu kurz. Kaum wenig mehr als die nackten Zahlen präsentiert der Autor seinen Lesern, wenn er auf Stalins Zwangskollektivierung oder Maos „Großen Sprung nach vorne“ zu sprechen kommt.
Die meiste Zeit seiner Existenz war der Kommunismus für manche eine erstrebenswerte Utopie, für andere aber ein blutrünstiges Schreckgespenst, ein manichäistischer Gegenentwurf, der fraglos half, den kapitalistischen Tiger, auf dem die liberalen westlichen Gesellschaften ritten, halbwegs im Zaum zu halten. Die Entwicklung des westlichen Liberalismus in den beiden zurückliegenden Dekaden ohne das Korrektiv des Kommunismus bietet jedenfalls wenig Anlass für optimistische Zukunftsprognosen.
(Rezensiert am: 2010-06-01)
David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute, Siedler, 2009, ISBN-13: 9783886807086, 32.00 €
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