Ursula Franke:
Ein Lehrbuch, dessen Klarheit beeindruckt und dessen Tiefgang sich in der praktischen Anwendung zeigt!
Von Manuel Harand
Mit „Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich sehen“ hat Ursula Franke ein Werk geschaffen, das für jeden von Interesse sein dürfte, der sich mit systemischer Arbeit bzw. Aufstellungsarbeit beschäftigt. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf dem praktischen Zugang zur Einzelarbeit und -beratung. Mit ihrem kurzen Einstieg in die Geschichte der Aufstellungsarbeit gibt die Autorin aber auch dem Leser, der nicht vom „Fach“ ist, einen guten Überblick über diese Therapierichtung. Überhaupt zieht sich eine besondere Klarheit und Einfachheit wie ein Faden durch das Buch – ohne dadurch oberflächlich zu bleiben.
Theorie und Praxis
Vor- und Nachteile der Einzel- und Gruppentherapie werden angesprochen und die grundlegendsten „Techniken“ der Aufstellung in Einzelsitzungen vorgestellt. Mit Beispielen aus der Praxis untermalt Ursula Franke die Theorie und führt die Anwendung dem Leser bildhaft vor Augen. Die Autorin schöpft dabei aus ihrem reichen Erfahrungsschatz, der weit über die klassische Familienaufstellungsarbeit hinausreicht. So integriert sie auch Methoden und Anregungen aus der Körpertherapie, Verhaltenstherapie oder der lösungsorientierten Kurztherapie. Diese Offenheit verschiedenen Methoden gegenüber und das „Spiel mit Fülle“ ist sehr ansprechend und sprengt so manche dogmatischen Ansichten eines ‚klassischen Familienaufstellers‘.
Einen ganz wichtigen Stellenwert nimmt in der Einzeltherapie die genaue Beobachtung des Klienten ein. Der Atem ist nicht nur Indikator für persönliche Muster des Klienten, sondern gibt uns auch wichtige Hinweise über das, was gerade in der Imagination des Klienten abläuft. Deshalb gibt Ursula Franke dem Thema Atmung in diesem Buch viel Raum und nennt konkrete Beispiele, wie Sie Atemarbeit in ihren Einzelsitzungen integriert.
Konsequent Lösungsorientiert
Natürlich ist klar, dass ein sich bei einem Buch dieses Umfanges (175 Seiten), nicht um ein erschöpfendes Ausbildungswerk handeln kann – das ist aber auch nicht sein Anspruch. Vielmehr erlebt der Leser bei der Lektüre einen erfrischenden Wind aus der Richtung der Autorin, der Inspiration und Anregungen ins Herzen des Therapeuten trägt. Zwischen den Zeilen erlebt man viel von ihrem bejahenden und positiven Weltbild, das stets die Lösungsorientierung als oberste Priorität durchklingen lässt. Der Klient wird angehalten die neuen Lösungsbilder durch Hausaufgaben zu unterstützen. Somit wird die Eigenverantwortlichkeit des Klienten betont – da er ja schließlich nicht nur sein Problem, sondern immer auch seine Lösung mitbringt.
Auch der Entwicklungsprozess des Therapeuten wird angesprochen und zu Übungen angeregt. ‚Repräsentative‘ Wahrnehmung ist nicht nur ein Phänomen, das sich in der Aufstellungsarbeit zeigt, sondern sensitive Wahrnehmung ist eine Sache der Schulung und Übung. Und gerade in der Einzelarbeit ist dieses ‚Hineinspüren‘ in den Klienten eine zentrales Merkmal für einen guten Therapeuten, da sich dieser ja – nicht wie in der Gruppe – auf die Wahrnehmungen seiner Repräsentanten verlassen kann.
Im Gesamten ist „Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich sehen“ ein sehr rundes Werk, welches anfangs etwas zu einfach und banal erscheint, aber dessen Stärke gerade in dieser Einfachheit und Klarheit liegt und dessen wahre Tiefe sich erst in der Umsetzung im Praxisalltag zeigt.
(Rezensiert am: 2009-04-21)
Ursula Franke: Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich sehen. Familien-Stellen in der Einzeltherapie und -beratung. Ein Handbuch für die Praxis, Carl-Auer Verlag, 2006, ISBN-13: 9783896705563, 19.90 €
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