Susanne Strasse, Helmut Krausser:
Meisterhaft erzählte und illustrierte Parabel auf unsere Leistungsgesellschaft – im Kinderzimmer Gwendolins!
Von Benjamin Schulz
Das Leben ist hart, geradezu mörderisch. Und es macht vor Gwendolins Kinderzimmer nicht halt. Spätestens, wenn Gwendolin nachts schlafen geht, beginnt der Konkurrenzkampf im Kinderzimmer. Im Kampf um die Gunst und die Liebe Gwendolins sind die Spielzeuge nicht gerade zimperlich. Nicht nur das Fischlein muss erfahren, dass es kein Entrinnen gibt. Die Nacht fordert ihre Opfer, eines nach dem anderen. Die Gummiente wird bis zum Platzen aufgepumpt, das Sparschwein kurzerhand mit einem Besen aufgespießt und auch vor Barbie machen die Mörder nicht halt. Da zieht der Stoffhase die Kugel vor: „Zum Freitod griff so mancher Freigeist zögerlich, weil erstmal tot sein meist für immer tot sein heisst.“ Es kommt zum Showdown im Kinderzimmer-Massaker – doch die Erkenntnis blüht dem Sieger erst zum Schluss... Das Buch steht in der „Tradition ehrlicher Kinderbücher“, die auf Beschönigung und Ausklammern von Gewalt verzichten, ohne letztere dabei zu verherrlichen. Ganz im Stil der Klassiker „Max und Moritz“ oder „Struwwelpeter“ hält die Geschichte auch mit ihrer Moral nicht hinterm Berg. So ist das Buch ein Alternativ-Entwurf zur kitschigen „heile-Kinderzimmer-Welt“. Allein die Blumentapete auf den Bildern erinnert noch an das Idyll längst vergangener Tage. Idee und Illustration stammen von Susanne Straßer. Ihre rauen, handwerklichen Collagen verleihen dem Buch einen einzigartigen Charme. Vor allem mit Strukturen, Mustern und einfachsten Zeichnungen, schafft sie ansprechend tiefgreifende Bilder. Das Schriftbild steht dem in nichts nach. Die in alten Bleilettern gedruckten Buchstaben verlieren auch nach ihrer Weiterbearbeitung am Computer nicht an Reiz, im Gegenteil. Helmut Krausser steuerte den Text bei. Mit seinem Sprachwitz nimmt er den Leser gefangen und lässt ihn nicht mehr los. In Vierzeilern spielt er virtuos mit Worten, Bedeutungen und Erwartungen. Unausgesprochene Assoziationen veranlassen den Leser zur wiederholten Lektüre. Die beiden Autoren haben etwas zu sagen und wie sie es tun, sucht seines gleichen. Allerdings ist das Buch wohl erst für etwas ältere Kinder und junggebliebene Erwachsene geeignet.
(Rezensiert am: 2003-06-13)
Susanne Strasse, Helmut Krausser: Wenn Gwendolin nachts schlafen ging. , Kunstmann, 2000, ISBN-13: 9783888972997, 16.00 €
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