Don Tapscott, Anthony D. Williams:
Ein etwas zu optimistischer aber umfassender Blick auf die Chancen des Web2.0 – inklusive Technologie, Stimmung und Marktchancen!
Von Felix Struening
Das ‚Web2.0‘ ist in aller Munde und Begriffe wie ‚kollektive Intelligenz‘ scheinen unser soziales Umfeld völlig neu zu strukturieren. Das Internet als Kommunikationsmedium Nr. 1 wird immer mehr zum Beteiligungsmittel, „YouTube“, „Second Life“, „MySpace“ und vor allem „Wikipedia“ eröffnen ungeahnte – wenn auch nur virtuelle – Räume für Gesellschaft, Wirtschaft und Forschung.
Internet und Wirtschaft
„Wikinomics“ ist eine bis aufs Äußerste gesteigerte Positiv-Bilanz der jetzigen Entwicklungen. Für die Wirtschaft ergäben sich unzählige neue Geschäftsfelder und bestehende würden durch Vernetzung ungenutzte kognitive Ressourcen freilegen. Oder mit den Worten der Autoren ausgedrückt: Außerhalb einer Firma gibt es immer mehr Menschen, die auf dem jeweiligen Fachgebiet hervorragend sind, als innerhalb. Don Tapscott und Anthony D. Williams, beide Teil der blühenden Internetwirtschaft, belegen ihre Thesen und Kompetenz mit eigenen millionenschweren Studien. Sie lassen mit diesem Buch die geplatzte Dotcom-Blase weit hinter sich und baden sich regelrecht in den neuen technischen Möglichkeiten.
Auch die durchweg pessimistische Perspektive des für die Open Source Bewegung grundlegenden Werkes „Freie Kultur“ (2005) des amerikanischen Rechtsprofessors Lawrence Lessig spielt für die beiden Autoren keine Rolle mehr. Sie beziehen sich zwar wiederholt auf die Lessig’schen Thesen zum überstrapazierten Urheberrecht, sehen in den Möglichkeiten von Copy & Paste aber eher Teilen und gemeinsamen Gewinn. Allerdings unterschätzen sie dabei häufig den egoistischen Machthunger von z.B. China oder einzelnen Konzernen.
Der Erfolg der Open Source Bewegung – vor allem im Bereich Software - gibt den Autoren recht. Auch Studien zur Qualität von „Wikipedia“ im Vergleich zur „Encyclopaedia Britannica“ und dem „Brockhaus“ durch das naturwissenschaftliche Magazin „Nature“ oder den „Stern“ geben dem Onlinemedium durchweg sehr gute Noten. Der Dauerwerbeton der Autoren nervt jedoch ein wenig. Etwas mehr Kritik und weniger Optimismus hätten dem Buch durchaus gut und der Aufbruchsstimmung keinerlei Abbruch getan. Schon das Vorwort ist einfach zu lang und könnte – bei Streichung der Doppelungen – locker um die Hälfte gekürzt werden. Zudem ist der Sprachgebrauch oft sehr pathetisch, etwa: „Sich Open Source zuzuwenden bedeutet, dass man sich auf neue geistige Modelle einlässt und neue Formen, sich Wertschöpfung vorzustellen.“
Das Internet, das Buch und seine Leser
Konsequent gedacht, findet das Buch seine Fortsetzung im Internet. Unter www.wikinomics.com wird nicht nur das Printprodukt vorgestellt und beworben, ein Wiki zu den Entwicklungen des Web2.0 fordert zur Beteiligung und Mitgestaltung auf. Der titelgebende Begriff ist natürlich selbst ein Teil des beschriebenen Prozesses, ebenso wie andere Teilgebiete des Buches: Es geht um Teilnahme und Teilhabe vieler, zum Besten aller Beteiligten, wenn die Autoren von Peer-Production, Ideagoras, Prosumenten, neuen Alexandrinern und partizipativen Plattformen sprechen.
Mitgedacht ist immer eine soziale Dimension, auch wenn sich das Buch hauptsächlich auf Wirtschaftsthemen bezieht. Allgemeinverständlich richtet es sich an jeden Interessierten des neuen Internets. Allerdings hätte dem Text etwas mehr Struktur gut getan, hier könnte man durchaus vom Internet lernen. Auch fehlt eine Literaturliste, bei semi-wissenschaftlichen Arbeiten wie dieser, eigentlich ein Muss. Trotz aller Kritik an Überschwang und gesteigertem Optimismus bleibt „Wikinomics“ eine Art Meilenstein in der Geschichte des Internets. Technologische und strukturelle Innovationen, Stimmung, Marktchancen und mögliche Entwicklungen werden gut beleuchtet und geben ein sinnvolles Abbild der aktuellen Lage.
(Rezensiert am: 2007-12-08)
Don Tapscott, Anthony D. Williams: Wikinomics. Die Revolution im Netz, Hanser Verlag, 2007, ISBN-13: 9783446412194, 19.90 €
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