Jürgen Schmidt (Hg.):

Zivilgesellschaft

Bürgerschaftliches Engagement von der Antike bis zur Gegenwart. Texte und Kommentare

Wie man einem Begriff Bedeutung gibt, ohne ihn zu beschränken – Zivilgesellschaft aus Sicht ihrer Denker und Akteure!

Von Felix Struening

Es gibt in der Politikwissenschaft so einige Begriffe, die sich nicht definieren lassen, weil sie in jedem kulturellen Kontext anders verstanden werden müssen. Oder aber, weil jede Definition Bedeutungsdimensionen abschneidet und dem Begriff so seine Faszination raubt. Zu letzteren gehört neben der ‚Demokratie‘ vor allem die ‚Zivilgesellschaft‘. Um die Vielfalt der Begrifflichkeit zu wahren, hat Jürgen Schmidt in der Enzyklopädien-Reihe des Rowohlt-Verlages nun eine Sammlung von Primärtexten mit kurzen Kommentaren vorgelegt.

Eine besondere Form der Sozialbeziehung

Das einfache Verständnis der Zivilgesellschaft als Spektrum zwischen Markt-, privater und staatlicher Sphäre reicht keinesfalls aus. Je nach Betrachtungszeitpunkt variiert schon das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft als Träger der zivilen Aktivität. Laut Jürgen Habermas („Strukturwandel der Öffentlichkeit“) ist sie sogar nur eine vorübergehende Erscheinung des 18. und 19. Jahrhunderts. Der gewählte historische Blickwinkel ist demzufolge sehr überzeugend. Das Spektrum der Texte reicht von antiken Werken Platons und Aristoteles‘ über kirchliche Schriften von Augustinus und Luther bis zu den zahlreichen bedeutenden Denkern des 17., 18. und 19. Jahrhunderts.

Besonders breit wird die dogmatische Auffassung der Zivilgesellschaft durch die Instrumentalisierung durch Sozialismus, Kommunismus und das NS-Regime. Aktuelle Texte zur Umstrukturierung des postkommunistischen Ostblocks und globalisierter ‚civil society‘ runden den inhaltlichen Aufbau des Buches ab. Thematisch gesehen werden so philosophische, juristische und politikwissenschaftliche Perspektiven eingenommen, Theoretiker und Akteure kommen zu Wort. Zivilgesellschaft, als „eine besondere Form der Sozialbeziehung zwischen den Menschen“, wird so in ihren Ansätzen von normativ-utopisch bis empirisch-gelebt, von demokratisch bis ideologisch, von kommunal bis global und von der Nachbarschaftshilfe bis zur Stiftung sichtbar.

„Zivilgesellschaftliches Handeln verlangt von den Akteuren zwar nicht den altruistischen Menschen schlechthin, fordert ihnen aber ein hohes Maß an Integrität und tugendhaftem Verhalten ab.“

Sehr kurze Vorbemerkungen leiten die Originaltexte eher ein, als dass sie sie kommentieren. Dennoch wird ein sinnvoller Kontextbezug hergestellt. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Lektüre der Auszüge der Primärquellen, um dem Leser das breite Spektrum zu vergegenwärtigen. Die Einleitung bietet dafür einen groben historischen Überblick, so dass genug Orientierung gewährleistet wird. Das sehr ausführliche Literaturverzeichnis führt dankenswerter Weise nicht nur die Originalquellen, sondern auch Sekundärliteratur auf. Allerdings sind weder ein Stichwort-Index noch ein Personenregister vorhanden, was für eine Enzyklopädie eigentlich unabdingbar ist.

Insgesamt eröffnet „Zivilgesellschaft“ vor allem den Blick auf die Vielfältigkeit seiner Dimensionen, ohne ihn zu bewertend einzuschränken. Das Buch ist somit ein guter Einstieg, insbesondere aber die Aufforderung weiter zu lesen, zu forschen und zu vertiefen.

(Rezensiert am: 2008-04-02)

Jürgen Schmidt (Hg.): Zivilgesellschaft. Bürgerschaftliches Engagement von der Antike bis zur Gegenwart. Texte und Kommentare, Rowohlt Verlag, 2007, ISBN-13: 9783499556876, 14.90 €


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