Ein weltweit vorhandenes Instrument: der menschliche Körper

Der experimentierfreudige Choreograph Royston Maldoom überschreibt seine Biographie mit dem Motto: „Warte nicht, bis der Sturm vorbei ist, sondern lerne, im Regen zu tanzen.“ Es hätte ihm nichts Besseres einfallen können, denn seine Tanzkarriere begann sozusagen „im Regen“: Mittellos machte er sich zwei Tage nach dem Kinobesuch eines Tanzfilms mit Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew auf den Weg zur King Slocombe School of Dance in Cambridge, um Tanzen zu lernen. Da war er bereits zwanzig, ein recht spätes Alter für den Beginn einer Tanzkarriere.

Eindrücklich und farbig beschreibt Maldoom seine ersten Erfahrungen in London und New York, Städten, in denen er oft draußen schlief, weil er kein Geld für Übernachtungen hatte, und den Geschmack eines dünnen heißen Kaffees am Morgen, um die Lebensgeister zu wecken. Biographische Kapitel reihen sich im Wechsel mit eher theoretisierenden philosophischen und tanzwissenschaftlichen Grundsatz-Reflexionen über den Tanz, Adoptivkinder, Vortanzen, Tanz als Gemeindearbeit, Überlegungen zu Strategien und Kategorien, Workshopinhalte und der Tanzarbeit als pädagogisches Fach in Schulen.

Maldoom wurde bekannt mit ungewöhnlichen Tanzprojekten und seiner choreographischen Arbeit mit Laien, die in der Regel zuvor keinerlei Tanzerfahrung hatten. Der Beginn seiner experimentellen Community-Dance-Arbeit war unbelastet, da es so etwas zuvor noch nicht gab. Maldoom hatte „zwar keinen festen Grund unter den Füßen, spürte aber auch nicht die Last theoretischer Überlegungen“. Den Einstieg in die Biographie liefert sein Kapitel über ein Projekt in Litauen 1991, direkt nach der Perestroika und einer Anzahl toter Demonstranten, einer „Produktion“ des sowjetischen Militärs. Seine Choreographie entwickelte sich genau aus dieser Situation heraus, indem er Fünf- bis Sechsjährige einfach frei tanzen ließ und ihre spielerische Energie zu Verdis Requiem beobachtete. Sein Stück setzte diese konkrete politische Erfahrung der Befreiung um.

Seine Tänzerseele entdeckte Maldoom mit 25 Jahren in Harlem, New York, als Neuaufnahme des Alvin Ailey American Dance Center. Durch das harte tägliche Training aus Ballett, Jazz und Modernem Tanz schmerzten seine Gelenke, Muskeln und Knochen mehr als bei den Jüngeren, aber das brennende Verlangen, sich durch Tanz auszudrücken, brachte ihn durch diese Zeit, die durch finanziellen Mangel erschwert wurde, was sich viele Jahre durch Maldooms Leben zog. Die Zeit Mitte der siebziger Jahre in New York war der Aufbruch der Bewegung der Homosexuellen und experimentierfreudigen Tanz-, Musik- und Theaterinszenierungen, die unter anderem davon geprägt wurden.

Ein erstes Stipendium ermöglichte ihm, den Weg nach New York über Toronto anzutreten. Schilderungen von Phasen der Arbeitslosigkeit und solchen mit Stipendien, Katzenwäschen in öffentlichen Toiletten, Hungerphasen bzw. solchen extrem schlechter Ernährung, besonders in Ländern des Ostblocks begleiten seine Arbeit als Tänzer und Choreograph. Dass er Choreograph werden wollte, wusste er recht früh, da ihm sein untersetzter Körper und seine Maße für eine Karriere als Tänzer nicht sehr geeignet erschienen. Als Choreograph kann man zudem mehr bewegen und initiieren. Maldoom bearbeitete und führte Tanzprojekte in Schottland, Nordirland, Kroatien, Sarajewo, Südafrika, Äthiopien und Deutschland durch, mit Laien und Profis, Jungen und Alten, Orchestern, Opernensembles und Musicaltheatern, in Schulen, auf Festivals und großen Bühnen. Alles Arbeiten durchzog ein Leitmotiv: „You can change your life in a dance-class“, zündendes Lebensmotto und pädagogische Leitlinie des Briten, der von einem unerschütterlichem Glauben an einzigartige Fähigkeiten in jedem Individuum geprägt ist.

Seine wesentliche Motivation bezog Maldoom aus seiner Mittellosigkeit, gepaart mit eisernem Willen und Durchhaltevermögen, äußerster Disziplin, Offenheit und Phantasie, die ihm zu ersten, unerwarteten kleinen Erfolgen verhalf: Seine Zähigkeit beim Vortanzen in Unterhosen in einer Schule, wo ihm keiner etwas zutraute, er sich aber nicht unterkriegen ließ. Diese Zähigkeit bezog er aus seiner Kindheit, die er in der englischen Provinz in kargen Verhältnissen einer Patchwork-Familie entwickelte (in einem Interview in „Rhythm is it!“ bezeichnete er sich selbst als „unattached child“).

Die Biographie Maldooms reflektiert vierzig Jahre Tanzerfahrung als Choreograph und Lehrer in ungewöhnlichen sozialen Milieus und politischen Umgebungen wieder, gespickt mit sehr persönlichen Details, zeitgeschichtlichen Ereignissen und weltweiten sozialen Tanzprojekten, die er ins Leben gerufen und umgesetzt hat. Seine Arbeit ist gekennzeichnet von der Überwindung sämtlicher Vorurteile und Rassenschranken. Muslimische Mädchen in Berlin sprach er als Tänzerinnen an, nicht als Muslime, und bat sie, doch bequemere Kleidung für die Proben zu „Sacre du Printemps“ zu tragen. Mit Schwarzen in Südafrika begann er bewusst eine Choreographie zu einem klassischen Musikstück, „Tryst“ von James MacMillan, ein Thema zu Trennung, Konflikt und Lösung. Den Vorwurf des Kultur-Imperialismus konterte er damit, dass Afrikaner in der Lage sein sollten, europäische Traditionen zu schätzen, denn Europäer würden überall ebenso gerne afrikanischen Tanz und afrikanische Musik ausprobieren. Die feststellende Frage einer Zulu-Mutter nach der Aufführung „Woher wussten Sie, wie es war, in diesem Land ein schwarzer Mensch zu sein?“, gab ihm Recht.

Maldooms Biographie ist ein Buch über die Entstehung und Entwicklung eines philosophischen Ansatzes direkt aus der praktischen Arbeit mit dem Instrument, das weltweit überall vorhanden ist, wo es Menschen gibt: dem Körper. Es ist ein leicht und anregend zu lesendes biographisches Plädoyer für tänzerische Arbeit und ihre ungeahnten, unterschätzten pädagogischen, sozialen und kreativen Möglichkeiten, abgesehen von den ästhetisch-künstlerischen, und die notwendige Empfehlung, den Tanz tief in der Gesellschaft zu verankern und zu integrieren. Einige private Photos und Aufnahmen aus einigen seiner Tanzprojekte lockern dieses schöne Buch auf, eine tabellarische Übersicht über seine gesamten Tanzprojekte und wissenschaftliche Lehre runden es ab.

Rezension von Assia Maria Harwazinski

Royston Maldoom (2010): Tanz um dein Leben. Meine Arbeit, meine Geschichte. In Zusammenarbeit mit Jacalyn Carley, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 9,90 Euro. Kaufen bei Amazon.